Das Müllkonzept der Großmutter war einfach. Es gab ihn nicht, den Müll. Zumindest so gut wie nicht. Papier jeglicher Art wurde zum Anfeuern des Küchenofens benutzt. Essensabfälle kamen auf den Komposthaufen im Garten. Die Regenwürmer und Katzen gediehen prächtig. Über Eierschalen freute sich die benachbarte Bäuerin, die sie zerkleinert den Hennen als Kalkquelle unter das Futter mischte. Bei der Nachbarin konnte man auch Butter, Rahm und Milch mit der Emailkanne holen. Obst und Brot legte die Großmutter direkt in den geflochtenen Einkaufskorb. Darin wurden auch die wenigen Limonade-Glasflaschen gesammelt, die sie gegen Pfand zurück ins Geschäft brachte. Apfel- und Hollersaft und Ribisel-Marmelade machte sie sowieso selbst. Ab und an explodierte eine unabsichtlich gärende Flasche im Keller. Das Rex-Glas hatte Hochkonjunktur. Der Restmüllkübel führte hinter der Küchentüre dagegen ein einsames Leben. Die Plastikbeschichtung des Wurstpapiers, ein Joghurtbecher von den Enkelkindern, eine leere Öl-Flasche. Die Kronkorken vom Himbeer-Kracherl. Mehr war da nicht.

Was "Zero Waste" bedeutet, wusste die Großmutter bis an ihr Lebensende nicht. Wozu auch. Sie führte das Leben, das alle anderen auch führten. Ein Leben, das immer mehr junge Menschen heute - rein abfalltechnisch - für erstrebenswert erachten. Und dem sie von New York bis Wien mit einigem Aufwand versuchen, gerecht zu werden. Dass es heute schwieriger ist als vor dreißig Jahren, ohne die Anhäufung von Müll zu leben, liegt nicht nur daran, dass ein Großteil der Menschen in Städten wohnt und nicht über eigene Komposthaufen und benachbarte Bäuerinnen verfügt. Neben der eigenen Bequemlichkeit, manche Dinge lieber in der Einweg-Variante zu kaufen, werden die meisten Produkte, die das tägliche Leben sichern und bequem machen, fast ausschließlich verpackt angeboten. Auch weit jenseits von geschältem, in Plastik eingeschweißten Früchten.

Eine jener jungen Menschen, die sich dem Leben ohne Müll verschrieben haben, ist die deutsche Bloggerin Shia Su. Der nicht recycelbare Müll, den sie und ihr Mann im Laufe eines Jahres anhäufen, passt in ein Marmeladenglas. Ein wiederverwendbares natürlich. Ihre Erfahrungen hat Shia Su nun in eine "Zero Waste"-Fibel gepackt. Moralkeule braucht sie dafür keine. Die blanken Zahlen sprechen für sich. So produziert etwa jeder Österreicher durchschnittlich 565 Kilogramm Müll pro Jahr, EU-weit sind es 475 Kilogramm. Dass dieser sogenannte Siedlungsabfall nur rund sieben Prozent des Gesamtabfalles ausmacht, tröstet da kaum.

Weniger Müll ist das neue Grün - unter diesem Motto hat Shia Su vor gut zwei Jahren jedenfalls ihr Leben umgekrempelt. Ihr daraus entstandenes Buch versteht sie als Art Kochanleitung, mit Tipps und Ratschlägen zur Müllvermeidung. Recycling geht ihr als Idee nicht weit genug, es sei nur Symptombekämpfung und trage nichts zur Lösung bei. Ihre Ratschläge basieren auf gelebter Konsumkritik, denn jeder Einkauf generiert letztlich wieder Nachfrage. Wenn alle in Plastik eingeschweißte geschälte Bananen kaufen, werden sie irgendwann nur noch so angeboten.

Shia Su räumt mit dem Gerücht auf, ihr Lebensstil sei teuer. Seit sie nur noch gezielt einkaufe, können sie sich plötzlich leisten, alles in Bio-Qualität zu kaufen. Einmal umgestiegen, will sie auf die vielen neuen Bequemlichkeiten nicht mehr verzichten. Eine übersichtliche Wohnung etwa, denn ein Leben ohne Müll entrümpelt automatisch. In Sus Badezimmer etwa findet sich nur ein einzelner gläserner Seifenspender. Mehr Zeit, berichtet die Autorin, haben die beiden auch, die sie beim Einkaufen und Aufräumen einsparen.

Das "Zero Waste"-Buch der Bloggerin ist jedenfalls sehr praktisch aufgebaut. Von Kochen und Einkaufen über den Haushalt bis zur (Monats-)Hygiene ist jeder Lebensbereich bedacht. Das einst verschmähte Jute-Sackerl, das Stoff-Taschentuch, Waschsoda und Brotdose feiern darin ihre schicke Wiederkehr. Aber auch die Rosskastanie hat ihren Platz - als Grundlage für selbst gemachtes Waschmittel. Jahresverbrauch etwa 5,5 Kilo. Wer ein Leben ohne Müll starten will, ist mit diesem Leitfaden bestens bedient. Und lernt, dass man Regenwürmer auch in der Großstadt-Küche zum Kompostieren einsetzen kann.

Das Konzept vom neuen Leben ohne Müll ist nicht neu. Es ist fast so alt wie die moderne Konsumgesellschaft. Was sich jedoch erst in den vergangenen Jahren verändert hat, ist das Image der Bewegung. Assoziierte man in den 1990er Jahren mit "Zero Waste" noch eine sehr alternative, utopistische Gruppe von Öko-Träumern, so ist die Bewegung längst schick und auch äußerst elitär geworden. In den Hauptstädten Europas ist sie dabei, sich zum Fetisch für eine hippe, stylishe und urbane Mittelschicht zu mausern. So gibt es nach und nach auch in Wien immer mehr Möglichkeiten der Müllreduktion beim Einkaufen. Zusätzlich zu den wieder boomenden Märkten gibt es neben der "Maß-Greißlerei" in der Heine-
straße ab Juli auch in der Josefstadt ein Geschäft, das seine Waren unverpackt anbietet: "Der Greißler" in der Albertgasse.