• vom 06.07.2016, 15:54 Uhr

Kultur

Update: 24.06.2017, 10:37 Uhr

Neo-Artamanen

Bio, Blut und Boden




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Von Edwin Baumgartner

  • Die Neo-Artamanen erobern Mecklenburg-Vorpommern - sie geben sich grün, aber ihr Denken ist braun.

Unter all das grüne Biogemüse mischen sich braune Früchtchen. wz/Irma Tulek, Quelle: Pixabay

Unter all das grüne Biogemüse mischen sich braune Früchtchen. wz/Irma Tulek, Quelle: Pixabay

Grün sind die Produkte der Neo-Artamanen und braun ihre Gedanken. Die Bauernbewegung, die seinerzeit den Reichsführer SS Heinrich Himmler und den Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß zu ihren Mitgliedern zählte, ist auferstanden. Die Toskana der grünen Braunen ist Mecklenburg-Vorpommern. Eine Grafik der Hamburger Morgenpost verzeichnete jüngst mehr als dreißig Neo-Artamanen-Höfe. Vor ein paar Jahren sprachen deutsche Beobachter der völkischen Bauern noch von zwei Dutzend Höfen.

Ideologie und Ackerbau
Mitte der 1920er Jahre entwickelten der gelernte Landwirt Bruno Tanzmann und der Naturwissenschafter und Rassetheoretiker Willibald Hentschel die Idee der Artamanen, der "Erneuerung des Volkstums aus Blut, Boden, Sonne und Wahrheit". Ob die Bezeichnung aus dem Indischen abgeleitet ist, wie der ursprüngliche Name "Bund Artam" nahelegt, oder sich vom Althochdeutschen "art" für Ackerbau und "manen" für Männer ableitet, ist ungeklärt. Wesentlich eindeutiger ist da schon der Wahlspruch: "Gläubig dienen wir der Erde und dem großen Stirb und Werde" - wobei der Glaube wenig mit Gott zu tun hatte, sondern einer an Sippe, reines Blut und das Feld war, auf dem die deutsche Kartoffel wächst.


Die Artamanen entstammten nicht Bauernfamilien, es waren städtische Bürger, die sich auf die völkische Agrarromantik einließen. Bei den Großbauern in Mecklenburg-Vorpommern verdingten sie sich, einerseits, um Ackerbau und Viehzucht zu erlernen, andererseits, um gezielt die polnischen Landarbeiter zu verdrängen. In der Folge siedelten sie sich in diesen Gebieten an, errichteten Höfe oder übernahmen bestehende, indem sie in die Bauernfamilien einheirateten. Koppelow im Landkreis Rostock bauten sie zur Mustersiedlung aus. Wenn die Feldarbeit getan war, machte man sich an die Arbeit für die NSDAP.

"Solange ein Pflug deutsche Scholle bricht, stirbt Deutschland nicht", war ein Motto der Artamanen. Himmler fand Gefallen daran. Er plante, die Artamanen in den Ostgebieten anzusiedeln, sobald diese durch das Vorgehen gegen die Slawen entvölkert wären. 1934 übernahm die Hitlerjugend kooperativ die völkischen Bauernsippen. Der Kriegsverlauf und spätestens die Befreiung vom Nationalsozialismus 1945 brachte das Ende der völkischen Bauern, ihre Höfe verkamen.

Als um das Jahr 1990, ausgehend von Teterow und Güstrow (beides Mecklenburg-Vorpommern), junge Menschen die Höfe renovierten und zu bewirtschaften begannen, hieß man sie willkommen. Die Dorfgemeinschaften waren durch Abwanderung in die Städte überaltert. Jetzt, auf einmal, schien frischer Wind zu wehen. Und es war ein Bio-Wind. Dass viele der grünen Neo-Bauern eine tiefbraune Vergangenheit bei der Wiking-Jugend hatten, die dann 1994 verboten wurde, wusste man nicht. Vielleicht wollte man es auch gar nicht wissen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-07-06 15:59:07
Letzte ─nderung am 2017-06-24 10:37:40



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