Der misstrauische Blick auf eine unbeaufsichtigte Tasche, die kurz aufkeimende Skepsis gegenüber Männern arabischer Herkunft, kleinste Verunsicherung bei anstehenden Flugreisen oder das punktuell aufflackernde Unbehagen beim Besuch von Großveranstaltungen. Der Terror von Nizza und Paris, Brüssel und Würzburg hat in jedem Einzelnen seine Spuren hinterlassen. Jenseits von Islamfeindlichkeit und Hasstiraden gegen Flüchtlinge im Netz. Oft ist es nur eine aufblitzende Ahnung, die minimale Schärfung oder Verschiebung der Wahrnehmung. Gerade kurz nach den jüngsten Attentaten haben diese kleinen Verunsicherungen wieder Hochsaison, bevor sie von den Mühen und Freuden des Alltages wieder glatt geschliffen, aus dem Zentrum der Aufmerksamkeit verschwinden.

Die aktuelle Terror-Welle in Europa beeinflusst auch das Leben derer, die die blutigen Anschläge aus sicherer Entfernung der Medien beobachtet haben. Denn sie waren nicht nur Angriffe auf einzelne Nationen oder Gruppierungen, sie meinten dezidiert Europa, meinten die westliche, aufgeklärt säkulare Welt. Die im Namen des Islamischen Staates begangenen (oder nachträglich von ihm für sich reklamierten) Gräueltaten haben Europa bis ins Mark erschüttert. Das zeigt sich nicht nur in Solidaritätsfloskeln auf dem politischen Parkett. Die gesellschaftlichen Veränderungen, die die Anschläge ausgelöst haben beziehungsweise verstärken, rütteln an den Grundfesten einer Staaten- und Wertegemeinschaft. Wie grundlegend sie die heutige Weltordnung verändern werden, vermögen wir nicht abzuschätzen. Auch wenn die Front gegen den Terror derzeit das einzige ist, was Europa wirklich eint. Wenn auch eher in pathetischen Worten der Geschlossenheit, denn in konkreten Maßnahmen.

Dass sich Europa an einer Zeitenwende befindet, lässt sich nicht leugnen. Vom Erstarken nationaler Ideologien, dem bevorstehenden EU-Austritt Großbritanniens bis hin zum Errichten neuer Grenzzäune in der Flüchtlingskrise - die Umwälzungen sind fundamental. Auch wenn sie nicht so radikal sind wie dieser Tage in der Türkei. Indirekt stehen sie alle in Verbindung mit weltweiten, sich immer mehr verknüpfenden Entwicklungen - nicht zuletzt mit der radikalen Globalisierung und gleichzeitigen Individualisierung des islamistischen Terrorismus. Die Chance auf eine fruchtbare Erneuerung eines an seine Grenzen geratenen, in seiner Tradition erstarrten und überalternden Europas auf der einen Seite und auf der anderen der schmachvolle Untergang des Abendlandes durch den Einfall barbarischer Horden - die Szenarien, die ein Ende der aktuellen Entwicklungen zeichnen, sind extrem. Wohin die Reise geht, ist offen. Und doch lassen sich erste gesellschaftliche Entwicklungen feststellen, an denen sich die aktuellen Umbrüche zeigen.

Dass das Friedensprojekt Europa mittlerweile sein mögliches Scheitern vor sich her trägt, ist eine der deutlichsten Konsequenzen. Die diesbezügliche Saat des islamistischen Terrors geht auf und gedeiht prächtig. Europa destabilisieren, den Hass auf Muslime schüren, damit diese sich angeekelt von Europa abwenden und dem Islamischen Staat (IS) zulaufen - das ist nur eine der bekannten Strategien der selbst ernannten Gotteskrieger. Die Kritik an westlicher Lebensweise als Motivation für Anschläge ist da oft nur das Feigenblatt. Die Anschläge von Paris betrachteten die Terroristen aus ihrer Sicht als gerechtfertigte kriegerische Handlungen: Wir werden angegriffen und schießen zurück, lautete die Argumentation. Dabei geht es nicht mehr nur um die Destabilisierung Europas und die Diskreditierung des verweltlichten Islams. Es geht auch um Vergeltung: Wenn ihr nicht in den Krieg zieht, sondern Drohnen schickt, dann kommt der Krieg zu euch. Dann schicken wir unsere Art von Bodentruppen.

Die Friedenszeiten in Mitteleuropa neigen sich damit höchst unberechenbar und punktuell einem Ende zu. Auch innerhalb der einzelnen Staaten bröckelt das friedliche Miteinander. Übergriffe auf Muslime und Brände in Flüchtlingsunterkünften häufen sich. Dieses Erstarken rechter Lager passiert just zu einem Zeitpunkt, an dem die letzten Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges als Mahner wegfallen. Sie können auch jenen ihre Stimme nicht mehr leihen, die die populistisch-nationalen Tendenzen in Europas Regierungen kritisch beobachten.

Mit der Motivation und Vereinnahmung terroristischer Aktionen durch islamistische Gruppierungen bekommt auch das Thema Religion eine neue gewichtige Rolle. Nicht nur in Europa. Schon seit 9/11 ist auch in der arabischen Welt ein Erstarken des konservativen Islam zu beobachten. Verschleierte Frauen sieht man etwa in Nordafrika heute wesentlich öfter als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Und auch in Europa steht Religion wieder auf der politischen und gesellschaftlichen Tagesordnung, von der sie in langen Kämpfen schon verbannt schien.

Nicht nur in einer Diffamierung von Muslimen, auch christliche Werte werden wieder hochgehalten, die erst vor der vermeintlichen Bedrohung durch den Islam neue Strahlkraft entwickeln. Dass aus der Notwendigkeit, durch veränderte Umstände - nämlich die Zuwanderung nicht-christlicher Menschen - die Regeln eines Miteinanders neu zu denken und zu formulieren, eine konstruktive Neuordnung entstehen könnte, ist utopisch. Statt gemeinsam an einer neuen Wert- und Gesellschaftsordnung zu bauen, verhärten sich die Fronten, findet in allen Kreisen der Bevölkerung eine Radikalisierung statt. Für oder gegen Flüchtlinge, für oder gegen Muslime. Differenzierungen nicht vorgesehen. Rechts oder links, die politische und ideologische Mitte ist als ein Opfer der Entwicklungen bereits in Auflösung.