- © Wiener Zeitung / Irma Tulek
© Wiener Zeitung / Irma Tulek

Die Angst geht um, und sie hat ihre Zwillingsschwester, die Furcht, zum Spaziergang mitgenommen.

Terror in Frankreich, Anschläge in Deutschland, Amoklauf in München, Affekthandlung in Reutlingen. Tagelang köcheln die Untaten in Medien und vor allem im Internet weiter. Sie bleiben in der Wahrnehmung lange über den Moment ihres Stattfindens hinaus präsent und suggerieren eine ständige Bedrohung des eigenen Lebens. Die Detailfreudigkeit der Informationen und das Tempo, in dem sie weitergereicht werden, bewirken einen Strudel, der den intellektuellen Filter des Rezipienten ausschaltet. Auf den sozialen Plattformen des Internets fallen alle Hemmungen. Weg mit den Erkenntnissen der Ermittler. Man weiß es besser. Man hat richtigere Informationen. Jener hat geschrieben. Dieser hat gesagt. Terror, Amoklauf, Affekthandlung - alles wird eines. Und macht Angst. Wenn Zeitungen aufklären, sind sie Lügenpresse. Politikern glaubt man nur noch, wenn sie sagen, die Angst sei berechtigt. Wahr ist nur, was dem eigenen längst von der Angst verzerrten Bild entspricht.

Allein dieses Denken ist der Sieg aller Polarisierer, der islamistischen ebenso wie der am linken und jener am rechten Rand. Je freier eine Gesellschaft ist, desto eher sind Szenarien möglich, die Angst erzeugen und die Einschränkung der Freiheit als Lösung des Problems erscheinen lassen. Die Rückgewinnung der Vernunft und die Stärkung der Freiheit können nur gelingen, wenn man die Angst besiegt.

Die unheilige Triebfeder

Angst ist die unheilige Triebfeder. Denn wenn das Fühlen das Denken ablöst, mündet das Chaos der Empfindung in Angst. Und Angst gebiert Hass. Wenn Politiker und Meinungsmacher ein Wechselbad von Kleinreden und Aufbauschen der Übergriffe und Anschläge verordnen, ist das nicht nur sinnlos, es ist auch kontraproduktiv: Das individuelle Unbehagen ist längst so groß, dass jedes Herunterspielen auf ein vernünftiges Maß als leere Beschwichtigungsrhetorik verstanden, während jeder Versuch, den Ängsten entgegenzukommen, sie, wie gefordert, ernst zu nehmen, als Bestätigung begriffen wird - wenn nicht gar als Grund für noch mehr Angst. Kann es sein, dass man bei der Bekämpfung der Angst vielleicht an einem anderen Punkt ansetzen müsste? Vielleicht kann man ganz individuell die Angst bekämpfen.

Der US-amerikanische Theologe Reinhold Niebuhr ist der Autor des sogenannten Gelassenheitsgebets: "Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden." "Gott" sei als rhetorische Floskel gelesen, für den Sinn ist es unerheblich, ob er Jahwe oder Allah oder Viracocha heißt, ob er allein oder in Göttergesellschaft residiert oder ob es ihn überhaupt gibt. Es geht einzig und allein um die Akzeptanz dessen, woran man selbst nichts zu ändern vermag. An der allgemeinen Gefahrenlage kann man selbst nichts ändern. Aber man kann sie akzeptieren. Man kann akzeptieren, dass man Angst hat. Das ist jetzt der Moment, die Angst ins Visier zu nehmen.

Wie groß ist die Gefahr für das eigene Leben und das Leben der nahestehenden Personen tatsächlich?

Wer es nicht glauben mag: Jeder von uns lebt jeden Tag mit Gefahren, die wesentlich realer sind als jene, Opfer eines Terroranschlags zu werden, aber wir leben mit diesen Gefahren auf eine Weise, dass wir nur noch in Ausnahmefällen über sie nachdenken.

Kognitive Verzerrung

So besteht etwa eine realistische Gefahr, bei einem Verkehrsunfall zumindest verletzt zu werden oder gar ums Leben zu kommen. Verzichten wir darauf, vor die Haustür zu treten? Nicht einmal die Wohnung ist ein sicherer Ort, wie die Statistik der Haushaltsunfälle dokumentiert. Eine Leiter kann zur Todesfalle werden. Der Umzug in eine Höhle scheint geboten - doch selbst die kann einstürzen.

Das Leben ist in all seinen Facetten lebensgefährlich. Jeden Bruchteil einer Sekunde müsste man Angst haben. Dennoch ist es nicht so. Wir gehen über die Straße, wir setzen uns ins Auto und auf das Fahrrad, wir steigen auf Leitern und vernachlässigen im Haushalt die Sicherheit. (Zum Beispiel: Wo steht denn Ihr Feuerlöscher? Wie alt ist er?)

Wenn also die Wahrscheinlichkeit, bei einem Unfall auf der Straße oder in der eigenen Wohnung ums Leben zu kommen, wesentlich höher ist: Wieso erzeugt gerade der Terror Angst?

Psychologen nennen diesen Effekt "kognitive Verzerrung": Man überschätzt die Wahrscheinlichkeit, dass Ereignisse, die sich im Gedächtnis besonders stark eingeprägt haben, auch im eigenen Leben eintreten. Ein zweiter Teil der kognitiven Verzerrung besteht in einem Nähe- oder Sympathiefaktor: Terror in Frankreich und in Deutschland geht uns näher, denn wir waren vielleicht schon einmal in Frankreich (zumindest wissen wir, wie der Eiffelturm aussieht) und in Deutschland (zumindest sprechen wir die gleiche Sprache). Wir verbinden etwas Positives mit diesen Ländern (vielleicht einen schönen Urlaub oder eine Freundschaft) und fühlen uns ihren Menschen automatisch näher, als etwa jenen in Afghanistan oder Syrien, wo die Terroropferzahlen ungleich höher sind. Diese kognitive Verzerrung ist auch der Grund, weshalb unsere Medien breit über Anschläge und Gewalttaten in unserer relativen Nähe berichten, aber wenig etwa über die vom IS abgeschlachteten Muslime: Die kognitive Verzerrung verschuldet das ungleiche Maß des Mitleids.