• vom 07.08.2016, 08:00 Uhr

Kultur

Update: 10.08.2016, 12:14 Uhr

Street Art

Weiße Wände sprechen nicht




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Von Anna Riedler

  • Calle Libre: Das Wiener Street-Art-Festival findet von 10. bis 13. August zum dritten Mal statt.

Poetische Streetart: Das Porträt eines chinesischen Mädchens, von Stinkfish verewigt in Marseille, Frankreich.

Poetische Streetart: Das Porträt eines chinesischen Mädchens, von Stinkfish verewigt in Marseille, Frankreich.© @stinkfishstink Poetische Streetart: Das Porträt eines chinesischen Mädchens, von Stinkfish verewigt in Marseille, Frankreich.© @stinkfishstink

Wien. Es war seine Dissertation über lateinamerikanische Künstler, die Jakob Kattner auf den Gedanken gebracht hat, Wien neben einer Stadt der klassischen Musik, der Theater und Opernhäuser auch zu einer Street-Art-Stadt zu machen. 2013 rief er deshalb das Calle Libre ins Leben, ein "Festival der urbanen Ästhetik".

"Jede Stadt mit leeren Wänden ist eine Street-Art-Stadt", erklärt er im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Weiße Wände sprechen nicht. Wir lassen sie sprechen." Und zwar mit Graffiti. Calle Libre ist spanisch und bedeutet freie Straße - und genau diese soll genützt werden. Zum dritten Mal bemalen internationale Graffiti-Künstler im Rahmen des Calle Libre ausgewählte weiße Wände in Wiens sechstem, siebtentem und achtem Bezirk. Die Nutzung der Flächen wird von den Bezirken und den jeweiligen Hausverwaltungen genehmigt. Für Kattner ist es wichtig, nicht willkürlich Privateigentum zu beschädigen, sondern der Kunst den richtigen Platz zu bieten: auf ungenützten, brachliegenden Flächen.

Information

Mehr Informationen unter:
http://www.callelibre.at/


Zwischen Kunst und Vandalismus
Einer der teilnehmenden Künstler ist Stinkfish, geboren in Mexiko, aufgewachsen in Kolumbien. Seine Werke sind auf der ganzen Welt zu sehen. Sich selbst bezeichnet er nicht als Künstler, so wie er auch seine Arbeit nicht als Kunst bezeichnet: "Kunst ist Kunst. Graffiti ist Graffiti."

Und Graffiti spaltet die Gesellschaft. Was des einen Freud´, ist des andern Leid, und so ist Graffiti für die einen Kunst, für die anderen Vandalismus. Zuletzt sorgte das Bild von Hillary Clinton in einem sexy Stars-and-Stripes-Monokini in Melbourne für Aufsehen. Zuviel des Guten, wurde befunden und das Bildnis übermalt - jetzt trägt Hillary Burka.

"Das ist eine Einschränkung der künstlerischen Freiheit", findet Jakob Kattner. "Man muss allerdings eine Grenze ziehen, wenn es um rassistische oder pornografische Inhalte geht." Für ihn ist jedes Graffiti auch immer ein politischer Akt: ein Auflehnen gegen die herrschenden Normen von Eigentum, die Kommunikation der eigenen Meinung. Für Stinkfish ist ein wesentlicher Punkt das Verhältnis von Graffiti und Vandalismus. Beides ist untrennbar miteinander verbunden. Der Sprayer sieht keinen Unterschied darin, ob jemand einen Schriftzug oder eine Parole an die Wand kritzelt, oder mühevoll ein Kunstwerk gestaltet: beides ist Graffiti. Die einfachsten Schriftzüge machen den Anfang.

Er selbst begann seine Karriere als Student einer Kunstuniversität. Enttäuscht, dass der Fokus des Studiums auf öffentliche Anerkennung und Kommerz ausgerichtet war, begann er mit einer Gruppe gleichgesinnter Freunde, Arbeiten auf Wände im öffentlichen Raum zu malen - für jeden sichtbar, für jeden leistbar. Mittlerweile ist Stinkfish vor allem im lateinamerikanischen Raum für seine farbenprächtigen Porträts sehr bekannt. Er ist oft mit einer Kamera unterwegs, um Fotos von ahnungslosen Menschen zu machen. Aus diesen Fotografien entstehen dann seine großflächigen Wandmalereien.

Graffiti-Workshops und öffentliches Sprayen
Wer sich selber als Graffiti-Artist betätigen möchte, kann im Rahmen des Calle Libre an zwei Workshops im Mumok teilnehmen - "In Line: an experiment on minimalist expressionism" am Mittwoch und "A stencil workshop" am Donnerstag.

Außerdem kann man den Künstlern von Mittwoch bis Freitag bei ihrer Arbeit zusehen. Neben Stinkfish sind auch andere, namenhafte Street-Artists aus aller Welt auf dem Festival vertreten, unter anderem Mr. Woodland (Deutschland), Rodrigo Branco (Brasilien) und Yu-Baba (Weißrussland). In der Jan-Arnold-Gallery im Museumsquartier gibt es die Ausstellung "Urban Memorial" mit österreichischen und internationalen Künstlern. Den Abschluss des Festivals bildet am Samstag ein Street-Food-Market und um 22 Uhr eine Afterparty mit elektronischer Musik in der Alten Post. Bei diesem dritten Mal will es Jakob Kattner nicht belassen: "Wir haben schon Pläne für die nächsten fünf Jahre."




Schlagwörter

Street Art, Calle Libre, Wien, Graffiti

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-08-05 16:53:05
Letzte Änderung am 2016-08-10 12:14:36


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