Ein unschlüssiger Blick in den Kleiderschrank: Lieber das rote T-Shirt oder doch das blaue? Von dieser Entscheidung kann mehr abhängen, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Zum Beispiel die Wirkung, die man beim anderen Geschlecht erzielt. Die magische Anziehungskraft der "Lady in Red" ist nämlich keineswegs nur ein Klischee. Als Frau kann man offenbar keine bessere Farbe wählen, wenn man auf einen Flirt oder ein sexuelles Abenteuer aus ist. "Rot hat einen besonderen Einfluss auf den Menschen und sein Verhalten", erklärt Daniela Niesta Kayser von der Universität Potsdam. Doch woher kommt diese Macht? Und wie weit reicht sie? Diesen Fragen geht die Psychologin gemeinsam mit Kollegen aus München und Wuppertal nach - oft mit erstaunlichen Ergebnissen.

"Was diese Farbe auslöst, hängt stark von der Situation ab", erklärt die Forscherin. Ampeln und Stoppschilder machen sich zum Beispiel zunutze, dass Rot für menschliche Augen sehr auffällig ist. Einer Theorie zufolge könnte Rot schon in den frühen Tagen der Menschheitsgeschichte als Warnsignal gewirkt haben. Vielleicht haben es unsere Urahnen mit Blut assoziiert und mit Gefahren, die es zu vermeiden galt.

Doch man muss gar nicht um Leib und Leben fürchten, um mit Rot eher Ungutes zu verbinden. Es genügt, in der Schule, im Studium oder am Arbeitsplatz Leistung bringen zu müssen. "Studien zeigen, dass die Farbe auch da eher hemmend wirkt", sagt Daniela Niesta Kayser. Schließlich lernen die meisten Schulkinder, die rote Farbe des Korrekturstiftes mit Fehlern zu verbinden. Rot ist daher negativ besetzt und kann Versagensängste auslösen. Vor allem Aufgaben, bei denen Kreativität statt Fehlervermeidung gefragt ist, sollte man Studien zufolge lieber in einer grünen oder blauen Umgebung anpacken.

Sobald es dagegen um zwischenmenschliche Beziehungen geht, scheint Rot wie ein optischer Magnet zu wirken. In einem Versuch der Potsdamer Forscherin sollten Männer Fotos von Frauen spontan auf deren Attraktivität beurteilen. Vor einem roten Hintergrund wurde die gleiche Frau dabei als deutlich anziehender eingestuft als vor einem weißen.

In einem weiteren Test sahen die Kandidaten Fotos von Frauen, mit denen sie sich später unterhalten sollten. Trug die Frau auf dem Bild ein rotes statt eines blauen T-Shirts, rückten die Männer ihren Stuhl im Schnitt um zehn Zentimeter näher an den ihrer Gesprächspartnerin heran. Zudem stellten sie rotgekleideten Frauen intimere Fragen. Bei Frauen in Grün blieb es dagegen eher beim unverbindlichen "Woher kommst Du?" Oft überwindet diese farbliche Anziehungskraft sogar alle möglichen Hindernisse - von Schüchternheit über Zweifel an der eigenen Attraktivität bis hin zur Angst vor Zurückweisung.