Wien. Früher war alles größer. Da sind sich erfahrene Besucher des Volksstimmefests, das dieses Wochenende auf der Jesuitenwiese im Prater stattfindet, einig. Ob es besser war, darüber lässt sich diskutieren. Aber das ist ohnehin eine Lieblingsbeschäftigung der linksalternativen Szene der Stadt. Für sie ist die Veranstaltung im Prater so etwas wie ein Familientreffen mit politischer Ausrichtung. Da hören schon einmal die rote Großmutter, der sozialdemokratische Vater und die in der Flüchtlingsbetreuung engagierte Enkelin gemeinsam einen Vortrag zur Sozialpolitik in der EU, um danach Strategien zu mehr Chancengleichheit mit zwei Attac-Funktionären zu diskutieren. Beim Biowein aus dem Burgenland versteht sich.

Bespaßen lassen kann man sich schließlich bei den zahlreichen Hervorbringungen der Eventkultur, die Kirche, Kunst und Kindergarten gleichermaßen erfasst hat. Auf der Leopoldstädter Jesuitenwiese setzt man hingegen auf eine politisch definierte Kultur, die sich durch zwei Eigenschaften auszeichnet: Sie blickt von unten auf die Gesellschaft, und sie hat Freude an Veränderungen. Und weil sie sich an jenen Teil des Volkes wendet, der nicht tümlich sein möchte, wie Bert Brecht einmal angemerkt hat, gibt es auf den Bühnen anstelle von Stadl-Umtata und deutschen Innerlichkeitsschlagern Slam-Poetry, Post-Punk, kurdische Tänze und hinterfotzige Wienerlieder.

Das war nicht immer so. Erstmals fand die Veranstaltung unter dem Namen der kommunistischen Tageszeitung "Volksstimme" 1946 statt. Sie sollte die Massen anlocken und in der Folge für die antikapitalistischen Ziele der KPÖ begeistern. Es zeigte sich freilich bald, dass es leichter ist, die Österreicher mit russischen Fußballern, kubanischen Boxern und ungarischen Geigern anzulocken, als gewählt zu werden. 1959 flog die KPÖ aus dem Nationalrat und hält aktuell bei einem Prozent der Wählerstimmen. Die massive, von US-amerikanischen Quellen finanzierte, antikommunistische Propaganda trug sicher ihren Teil dazu bei. Wesentlicher war aber wohl die mangelnde Glaubwürdigkeit der kommunistischen Spitzenfunktionäre, die so unterwürfig nach Moskau blickten wie polnische Priester auf den Vatikan. Nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen in die Tschechoslowakei 1968 kam es zu einer massiven Austrittswelle, 1991 scheiterte der Versuch, die Partei in ein breites linkes Projekt umzuwandeln.