"Warum ausgerechnet den? Wie kann man nur? Sie werden doch nicht ernsthaft so blöd sein?" - Sätze wie diese sind derzeit Teil jeder politischen Konversation. Es geht, wie unschwer zu erraten ist, um die anstehende Wahl des US-Präsidenten. Ein Rennen, das sich - aus Sicht der aufgeklärten Eliten - auf die Wahl zwischen dem absoluten Bösen und dem kleineren Übel zuspitzt.

Die eher unspannende Frage des vergangenen Frühjahrs, welcher blasse Senator oder Gouverneur gegen Hillary Clinton verlieren wird, hat sich ein paar Vorwahlen später zu einem ernsthaften Bedrohungsszenario hochgejazzt: Zwei Überraschungen galt es zu verdauen: Trump zieht in seinem Segment wie kaum ein Republikaner zuvor die Massen an - und Clinton konnte sich nur mit erheblichem Aufwand gegen ihren Parteikollegen Bernie Sanders durchsetzen, der mit für die USA geradezu radikalen Gedanken Clinton stark zusetzte. Sie sah sich links und rechts von Populisten bedroht - ein übler Zweifrontenkrieg.

Trumps Erfolg wäre zwar vermutlich das folgenreichste, aber doch nur ein weiteres Event in einer Kette an politischen Ereignissen, die ähnlich gestrickt sind. Es stellt sich die Frage, ob das knappe Brexit-Votum in Großbritannien, das in seinen Folgen kaum noch abzuschätzen ist, sich nicht aus derselben Unzufriedenheit speist wie das unerwartete Wählerverhalten in den USA. Beide Länder sind attraktive Einwanderungsziele, in beiden Ländern gibt es einen starken Zuzug. Großbritannien kann die Migration aus den Ländern der EU aufgrund der Niederlassungsfreiheit nicht mehr selbst steuern, in den USA gibt es wiederum das Thema der millionenfachen illegalen Migration aus dem Süden - nicht umsonst ist der Bau einer soliden Mauer zu Mexiko eines der stärksten wiederkehrenden Motive in Trumps Wahlkampf. Trump geht dabei noch weiter, er zeichnet hasserfüllte Bilder von Massenabschiebungen und den "bad hombres", die er aus dem Land werfen will.

Doch scheint es nicht blanker Rassismus zu sein, der die Triebfeder des Erfolges ist. Denn dieser benötigt ein fruchtbares Umfeld, um gedeihen zu können. Dieses bietet nicht nur eine ungebildete Unterschicht, sondern zunehmend auch eine Mittelschicht, die sich mit Abstiegsängsten konfrontiert sieht. Menschen also, die etwas gelernt und geleistet haben, deren Dienste aber - etwa durch den kontinuierlichen Abzug der Industrie in Billiglohnländer - nun nicht mehr gebraucht werden. Menschen also, die an sich nichts falsch gemacht haben, die gelernt und gearbeitet haben, die aber aufgrund globaler Entwicklungen, die sie nicht beeinflussen können, ihren Lebensunterhalt in Frage gestellt sehen. Sie und ihre Familien sind es, für die der amerikanische Traum einfach nicht mehr funktioniert. Und sie sind es auch, die der Slogan "Make America Great Again" genau dort trifft, wo sie am empfänglichsten sind. Das ist ja das Geniale daran: Er sagt alles - und nichts. Es ist das generelle, diffuse Versprechen einer Korrektur der Umstände, einer Restauration der "alten Zeiten", die gut sein müssen, weil sie alt sind.