Ein Supermarkt der Philosophien und Ideen: Der Koran (auf unserem Bild die Titelseite eines Manuskripts aus dem 14. Jahrhundert) ist, was man aus ihm herausliest. - © wikimedia
Ein Supermarkt der Philosophien und Ideen: Der Koran (auf unserem Bild die Titelseite eines Manuskripts aus dem 14. Jahrhundert) ist, was man aus ihm herausliest. - © wikimedia

Wir kennen die Situation aus unzähligen nächtlichen Fernseh-Diskussionen: Da sitzt eine Vertreterin der muslimischen Glaubensgemeinschaft, gern in wechselnder Intensität verhüllt, einem Islamkritiker gegenüber und verkündet in elaborierten Formulierungen, wie friedliebend und menschenfreundlich ihre Religion doch sei. Und begründet dies mit unzähligen Passagen im Koran. Worauf ihr islamkritischer Kontrahent auf der Stelle ein Dutzend Suren aus der heiligen Schrift der Muslime zitiert, in denen ungeniert dazu aufgefordert wird, Ungläubige abzuschlachten, Frauen zu züchtigen und den Islam mit Gewalt zur dominanten Weltreligion zu machen.

Was nun, bitte? Der Erkenntnisgewinn solcher Diskurse ist außerordentlich überschaubar. Ob der Islam tatsächlich jene "Religion des Friedens" ist, als den ihn seine Anhänger stets preisen, oder ob er doch zentrales Motiv von Terror, Bürgerkrieg in der islamischen Welt und dem Horror des Islamischen Staates ist, wird dadurch nicht klarer ersichtlich.

Toleranz und Gewalt

Einen Versuch, dieses Dilemma aufzulösen und die Heilige Schrift der Muslime für den theologischen Laien zugänglich zu machen, hat nun der deutsche Islamwissenschafter und Bestsellerautor Hamed Abdel-Samad unternommen. Sein jüngstes Buch: "Der Koran - Botschaft der Liebe. Botschaft des Hasses" ist tatsächlich durchaus geeignet, Nicht-Muslimen dabei behilflich zu sein zu verstehen, wie der Koran und die ihm unterworfene Religion funktionieren. Seine zentrale These: "Der Koran ist praktisch ein Supermarkt: Man kann darin alle möglichen Produkte kaufen, erwerben, benutzen, brauchen, missbrauchen. Es gibt Toleranz und Nächstenliebe, es gibt Gewalt und Ausgrenzung, es gibt Passagen, die Frauen als gleichberechtigt betrachten, und andere Passagen, die Frauen als Sexobjekte des Mannes auch betrachten. Das Problem ist nicht, was im Koran steht, sondern der Stellenwert des Korans als das endgültige letzte Wort Gottes."

Folgt man dieser Annahme, verbietet es sich natürlich, den von Gott selbst gegebenen Text irgendwie zu interpretieren, zu relativieren oder gar zu deuten. Christen dagegen lesen die Bibel heute meistens so, dass sie das Wort Gottes enthält, der Koran jedoch ist es in seinem eigenen Anspruch selbst, was einen gravierenden Unterschied ausmacht. Daraus entsteht zwangsläufig eine heftige Kollision mit der Moderne. Denn der Koran spiegelt auch die persönliche Lebensgeschichte seines Überbringers Mohammed wider, samt all dessen seelischen Problemen, naturgemäß stets auf das Leben der Menschen im siebenten Jahrhundert rekurrierend.

Besonders deutlich wird dieses Problem in der Frage von Gewalt und Krieg. "Liest man den Koran chronologisch, stellt man fest, der Prophet ruft anfangs zum Gewaltverzicht auf", konzediert Abdel-Samad. Aber: "Später gibt er die Erlaubnis, sich im Falle eines Angriffs zu verteidigen. Dann erst folgt die Verherrlichung des Krieges, bis schließlich der totale Krieg gegen alle Ungläubigen verkündet wird. Wer entsprechende Koranstellen unkritisch tradiert, der muss sich nicht wundern, wenn Islamisten weltweit junge Muslime für den Dschihad begeistern."

Ein menschengemachtes Buch

Um dem gegenzusteuern, fordert Abdel-Samad, den Islam und den Koran auf seinen spirituellen Kern zu reduzieren, aber nicht mehr als allumfassende politisch-soziale oder gar militärische Handlungsanweisung für alle Aspekte des menschlichen Lebens zu betrachten. "Wir müssen den Koran so lesen, wie er ist, als ein menschengemachtes Buch", fordert der Autor, "ein Buch, das eine menschliche Erfahrung beschreibt, das eine Gemeindebildung protokolliert, wie diese Gemeinde zustande gekommen ist, Fragen und Antworten für die damalige Gemeinde bietet, aber nicht für unser Leben heute. Es gibt zwar ein paar allgemeine Prinzipien, wie Gerechtigkeit, wie Bewahrung der Schöpfung, die man natürlich aus dem Koran herleiten kann, aber dieses Buch disqualifiziert sich als ein Ratgeber für politische Fragen, für Gesetzgebung."

Ein kleines Problem dabei lässt Abdel-Samad freilich unerwähnt: Dergleichen gilt für sehr viele Muslime als Blasphemie und Abfall von wahren Glauben. Weshalb der Autor auch nach diesem eher konzilianten Buch weiter unter schwerem Polizeischutz leben wird müssen, weil er regelmäßig mit dem Tode bedroht wird.

Sachbuch

Der Koran. Botschaft der Liebe. Botschaft des Hasses

Hamed Abdel-Samad

Droemer Verlag, 2016

240 Seiten, 19,99 Euro