Zu Weihnachten wünschte sich der Bub, der ich damals vor erschreckend vielen Jahren war, ein Modellsegelschiff - mit Fernsteuerung und allem Pipapo, so eines, wie es den großen Teich befuhr im Jardin du Luxembourg. Als Alternative wurde, mit schon weniger Begeisterung, eine Autorennbahn in Erwägung gezogen. Was unter dem Christbaum lag, war eine Modelleisenbahn. Es war ein Geschenk meiner Mutter. Das betone ich, weil es immer heißt, Modelleisenbahnen seien Männersache. Eine Modelleisenbahn schenkt der Vater seinem Sohn, weil er selbst damit spielen will. Mein Vater wäre für das Modellschiff gewesen. Praktische Erwägungen hatten dagegen gesprochen: Wo es zu Wasser lassen? Spielfreude nur in den warmen Monaten. Und die Autorennbahn? - Irgendein Kinderpsychologe hatte einen hochklugen Artikel verfasst, demzufolge Autorennbahnen Kinder auf ein unvorsichtiges und aggressives Verhalten im Straßenverkehr konditionieren könnten. So also kam es (kam ich...) zur Modelleisenbahn.

Heute, am 2. Dezember, wird übrigens, die Nähe zu Weihnachten ist gewiss unzufällig, der Tag der Modelleisenbahn begangen.

Von der Wüste zur Landschaft

Da lag die Sperrholzplatte mit den aufgezogenen Gleisen. "Gleiswüste" nennt man das im Fachjargon. Ein Tunnel war dabei, der ragte, grün und nach Klebstoff riechend, über der hellbraunen Platte auf. Zu Ostern kam ein Bahnhof hinzu, der stand in der Sperrholzwüstenei genau gegenüber des Tunnels. Ein einsamer Zug verkehrte über dieses Funder Desert.

Der Hersteller dieser Trostlosigkeit war Kleinbahn, ein 1947 gegründetes österreichisches Unternehmen, das sich auf die Züge der ÖBB spezialisierte.

In der Schule lief ein Glaubenskrieg unter den Modelleisenbahnbesitzern: Kleinbahn oder Märklin. Märklin war die noblere Marke. Aber Märklin-Anhänger konnte man ins Mark ihrer Semaphore treffen. Es geht um die Stromabnahme. Irgendwoher muss ja die Modell-Lok ihren Strom bekommen. Bei Kleinbahn bezieht sie ihn aus den Schienen. Bei Märklin aus stromführenden Erhebungen in der Mitte der Schwellen. Na? Hat irgendeine Bahn auf der Welt mitten auf den Schwellen solche Zapfen und Buckel?

"Naturgetreu" - das ist das Zauberwort des Modelleisenbahners. Natur und Technik im Maßstab in die Wohnung geholt. Mein Onkel Rupert, der den gesamten Keller seines Hauses in eine Modelleisenbahnlandschaft verwandelt hatte, führte mit einem Hersteller eine erboste Korrespondenz, weil der Tender einer Lok zu lang geraten war. Er hatte das nachgemessen. Wobei kleine Anpassungen schon üblich sind. Da Modelleisenbahnen mit engeren Kurvenradien zurechtkommen müssen, als die Maßstabsverkleinerung ausmachen würde, müssen längere Waggons und Triebwagen ein wenig verkürzt werden. Andernfalls würden sie aus der Kurve fliegen.

Führende Hersteller

Zurück zu den Herstellern. An die 70 sind es heute. Führend in Europa ist die deutsche Märklin & Cie. GmbH - trotz der Sache mit dem Mittelstrom (die ist jetzt so perfekt gelöst, dass nur noch das wissende Auge die Unstimmigkeit bemerkt). Auch die detailversessenen Modelle der Fleischmann GmbH versammeln einen Kreis von Liebhabern hinter sich. Fleischmann und der österreichische Hersteller Roco sind beide nach Insolvenzverfahren Töchter der deutsch-österreichischen Modelleisenbahn Holding. Fleischmann spezialisiert sich auf die Deutsche Bundesbahn (es gilt der alte Werbespruch: "Die Fleischmann-Bahn, das präg Dir ein, ist die Bundesbahn in klein"), Roco bietet eine breite Palette mit ÖBB-Modellen.

Ja, ist denn die ganze Modelleisenbahnerei in deutsch-österreichischer Hand? - Nicht ganz. Hornby Railways ist ein britischer Anbieter, und obendrein einer der ältesten. Das ist nur konsequent, denn England ist das Mutterland von Eisenbahn wie Modelleisenbahn. Johann Wolfgang von Goethe etwa erhielt 1829 von englischen Freunden ein Modell der Rocket. Um 1840 tauchen erstmals in Deutschland gefertigte Blechmodelle von Eisenbahnzügen auf. 1856 schenkt Königin Victoria von England dem thailändischen König Mongkut eine Modelleisenbahn. Das erste Kind, das eine richtige Modelleisenbahn besitzt, ist 1859 der kaiserliche Prinz Napoléon Eugène Louis Bonaparte. Ein Uhrwerk treibt die Lok an, das Gelände bildet die Bahnstrecke von Paris nach Sceaux ab.

Detail ist Trumpf

Hornby jedenfalls beginnt 1901 mit Blechspielzeug. 1920 bringt das Unternehmen eine uhrwerksgetriebene Modelleisenbahn auf den Markt, 1925 folgt die erste strombetriebene Modelleisenbahn. Lange Jahre nimmt es Hornby mit den Details nicht so genau, anders als bei den deutschen und österreichischen Anbietern reicht es, wenn der Gesamteindruck stimmt. 1976 schließlich besinnt man sich unter dem Druck nationaler und internationaler Konkurrenz neu, jetzt wird auch in England aus dem Spielzeug eine ernstgenommene Miniaturisierung von realer Technik und Natur.

Welche Modelleisenbahn- mit welchen Modellbauherstellern zusammenarbeiten, fusioniert oder teilfusioniert sind, welche Produkte mit welchen kompatibel sind: Es füllt Bücher. Der Modelleisenbahner hat das im Kopf - oder findet es in einem der Nachschlagewerke. Denn längst ist das Hobby der maßstabsgetreuen Weltabbildung und vielleicht auch Weltbeherrschung den Gefilden der Bizarrerie entwichen. Doch die Zahl der Modelleisenbahner nimmt ab. Die Konkurrenz von Bahnfahrten als Videospiel ist stark.

Die Modelleisenbahn des Buben, der ich damals vor erschreckend vielen Jahren war, verstaubte allmählich. Schließlich wurde sie verschenkt. Irgendwann fragte meine Mutter mich, wieso ich absolut nicht damit spielen wollte, obwohl ich in Onkel Ruperts Keller so große Augen gemacht hatte. Wie sollte ich ihr erklären, dass mich an Onkel Ruperts Modelleisenbahnkeller nur ein Detail fasziniert hatte: Er hatte eine Hafenanlage gebaut, und in dem Hafen lag, maßstabsgetreu, ein Segelschiff.