• vom 09.12.2016, 10:08 Uhr

Kultur

Update: 09.12.2016, 12:24 Uhr

Postfaktisch

Öxit zum "Unwort des Jahres" gekürt




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Von WZ Online, APA, dpa

  • Das "Wort des Jahres" ist ebenso lang wie das Phänomen, das damit bezeichnet wurde, "Postfaktisch" in Deutschland ausgezeichnet.

Wien/Wiesbaden. "Bundespräsidenten- stichwahlwiederholungsverschiebung". Dieses "anschauliche Wort" wurde von den Wählern mit "überwältigender Mehrheit zum "Wort des Jahres 2016" gewählt. Laut Jury entfielen mehr als ein Drittel der mehr als 10.000 abgegebenen Stimmen darauf. Das Wort sei "sowohl inhaltlich als auch aufgrund seiner Länge ein Sinnbild und ironischer Kommentar für die politischen Ereignisse dieses Jahres, das vom überaus langen Wahlkampf für die Bundespräsidentenwahl, der Anfechtung der Stichwahl, deren Wiederholung und zusätzlich auch noch von der Verschiebung derselben gekennzeichnet ist", begründete die Fachjury unter Leitung von Rudolf Muhr von der Forschungsstelle Österreichisches Deutsch der Universität Graz die Wahl, die in Kooperation mit der APA - Austria Presse Agentur erfolgte.

Eigenart der deutschen Sprache

Sprachlich zeige das Wort auch sehr gut eine Eigenart der deutschen Sprache, in der beliebig viele Substantive aneinandergereiht und so neue Wörter gebildet werden können, deren Länge praktisch unbegrenzt ist. Auch die weiteren Plätze waren von der Präsidentenwahl beeinflusst: Rang zwei ging an "Bundesheinzi", Rang drei belegte "arschknapp".

Zum Unwort des Jahres 2016 wurde "Öxit" gewählt. "Hierbei handelt sich es sich um eine unreflektierte Analogiebildung zu 'Grexit' bzw. 'Brexit', das in den Medien den früheren Ausdruck 'Austritt aus der EU' ersetzt hat. Zum Unwort wird es vor allem durch seine unreflektierte und häufige Verwendung, was vorhandene Tendenzen und Bestrebungen verstärkt und den Austritt aus der EU gewissermaßen herbeiredet, obwohl es seitens der Bevölkerung dazu keine Mehrheit gibt", so die Jury. Auf dem zweiten Platz landete "Asylobergrenze", gefolgt von "Willkommensklatscher" auf dem dritten Rang.

Das Jugendwort des Jahres ist eigentlich ein Satz, nämlich: "Was ist das für 1 Life". Dies sei ein in sozialen Medien weitverbreiteter Ausdruck. "Er geht auf den gleichnamigen Titel eines angeblichen Buches von Stephan Fichtner zurück, das als 'Pseudo-Gewinnspiel' große Verbreitung erzielte. Glaubt man Meldungen in den sozialen Medien, habe es eine Sprachspielerei des Rappers Moneyboy aufgegriffen. Von den Jugendlichen wird damit eine gewisse resignative Grundhaltung zum Leben ausgedrückt, das oft als mühsam, stressig und als wenig hoffnungsvoll empfunden wird", urteilte die Jury.

"Postfaktisch" Wort des Jahres in Deutschland

 in Deutschland ist wiederum das Worz "postfaktisch" zum "Wort des Jahres" 2016 gekürt worden. In politischen und gesellschaftlichen Diskussionen gehe es zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten, erklärte die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS). Insofern stehe das Wort für einen tief greifenden politischen Wandel.

Immer größere Bevölkerungsschichten seien aus Widerwillen gegen "die da oben" bereit, Tatsachen zu ignorieren und sogar offensichtliche Lügen zu akzeptieren. Die Entscheidung der Jury sei einstimmig ausgefallen, sagte der Vorsitzende der Gesellschaft, Professor Peter Schlobinski.

Für die Auswahl entscheidend ist der Sprachgesellschaft zufolge nicht die Häufigkeit eines Ausdrucks, sondern vielmehr seine Signifikanz, Popularität und sprachliche Qualität. Die Berliner "Lichtgrenze" zum Mauerfall-Jubiläum war das "Wort des Jahres" 2014. Den sprachlichen Nerv der Zeit hatten in den Jahren zuvor - nach dem Urteil der Jury - die Abkürzung GroKo für Große Koalition (2013), die Rettungsroutine (2012) und der Stresstest (2011) getroffen.

Eine andere Jury aus Sprachwissenschaftlern und Journalisten kürt zudem jedes Jahr ein "Unwort". Am 10. Jänner wird die Entscheidung für 2016 bekanntgegeben.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-12-09 10:34:26
Letzte Änderung am 2016-12-09 12:24:27


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