• vom 27.01.2017, 07:30 Uhr

Kultur

Update: 27.01.2017, 18:08 Uhr

Jahr des Feuer-Hahns

Nur die Sterne haben den Durchblick




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Von Eva Stanzl

  • Viele Kulturen versuchen, Botschaften zu erkennen, indem sie Tierkreiszeichen und Gestirne in Verbindung bringen. Was bringt das?



In der Legende lud Buddha alle Tiere zu einem Fest. Zwölf folgten dem Ruf und kamen zur Party. Zum Dank schenkte Buddha Ratte, Büffel, Tiger, Hase, Drache, Schlange, Pferd, Ziege, Affe, Hahn, Hund und Schwein je ein Jahr. Die Chinesen glauben, dass alle zwölf Jahre ein ähnlicher Menschentyp geboren wird, der dem Charaktertypus des Tieres entspricht. In der Nacht auf Samstag begrüßte China das Jahr des Hahns, das heuer mit dem hitzigen Element in Verbindung steht. Astrologen erwarten im Jahr des Feuer-Hahns politische Spannungen, aber auch wissenschaftliche Fortschritte.

In der westlichen Astrologie sind die Tierkreiszeichen hingegen nach den Sternen benannt. Hier steht die Erde im Zeitalter des Wassermanns. Ob es denn Zufall sein kann, dass Menschen, die in diesem Sternbild geboren sind, 2017 besondere Höhepunkte in Beruf und Liebe erwarten dürfen? Mitnichten. Dank Jupiter, der sich mit seinen Glücksgaben in der Waage befindet und demnächst das neunte Haus durchquert, gibt es "großes Wassermann-Kino", verspricht die deutsche "Vogue".


Ob Wassermann oder Widder, Hahn oder Affe - oder wie in Tibet Seeungeheuer, Mädchen oder Frosch: Viele Kulturen versuchen, Botschaften zu erkennen, indem sie Tierkreiszeichen und Gestirne mit einander in Verbindung bringen. Was aber sind die Ursprünge der Astrologie? Warum sollten zwischen oben (Sterne) und unten (Menschen) Zusammenhänge bestehen? Und warum studieren unzählige Menschen täglich ihre Horoskope und schenken ihnen Glauben, obwohl es völlig unmöglich ist, dass je ein Zwölftel der Menschheit oder je 840 Millionen Personen ein Schicksal teilen?

Kalender und Landwirtschaft
Die ersten Sternengucker strebten allerdings weniger nach himmlischen Sphären als nach Lösungen für irdische Probleme. "Die ältesten astrologischen Aufzeichnungen stammen von den Sumerern. Sie suchten Orientierung über die Himmelsrichtungen und erstellten nach astronomischen Konstellationen ihren Kalender", erklärt Wolfhard König, Psychoanalytiker mit Praxis in München. Die Kenntnis der Positionen der Sterne ermöglichte die Einteilung des Zeitablaufs, die Planung der Landwirtschaft und die Navigation.

Gleichzeitig aber wollte der Mensch die eigene Position im Universum begreifen. "Es ging auch um innere Orientierung", sagt König. Im Zweistromland waren Astrologen-Astronomen Priester, Schreiber, Zeichenkundige, Ärzte, Forscher und zuständig für kultische Angelegenheiten wie Rituale, magische Beschwörungen, Anrufungen und Divinationen. Tierkreisähnliche Systeme nach einem Koordinatensystem haben ihre Wurzeln im alten Ägypten. Der Hellenismus ordnete den Tierkreisabschnitten bestimmte Grunddeutungen zu und erweiterten sie um die Vier-Elemente-Lehre von Wasser, Luft, Feuer und Erde, die später mit den Jahreszeiten und Gestirnen assoziiert wurden.

Das Lexikon beschreibt die Astrologie als "Frühform der Wissenschaft" und "vorwissenschaftliche Lehre" auf der Basis der damals allgemein akzeptierten Vorstellung, die Himmelskörper hätten einen direkten Einfluss auf irdische Ereignisse. "Ausgehend von dieser Grundannahme, verwendeten frühe Astrologen mathematische Modelle, um Regelmäßigkeiten in beobachtbaren Naturphänomenen aufzuweisen", heißt es etwa in Wikipedia. Sternenkundige stellten komplexe Berechnungen zu Positionen und Umlaufbahnen von Planeten an und suchten nach Regelmäßigkeiten in Naturerscheinungen, um diese rational zu beschreiben. Was ausblieb, war der Beweis, dass entfernte Himmelskörper sich auf den Alltag auswirken.

Die Schwerkraft des Mondes erzeugt nachweislich Ebbe und Flut. Die Gravitation der Sonne hält die Erde in ihrer Bahn. Ihr Licht und ihre Wärme ermöglichen Leben, Tag und Nacht, Jahreszeiten und Klimazonen. Doch der physikalisch-kausale Einfluss der Planeten und Sterne ist schwer nachzuweisen: Ihre Schwerkraft lenkt die Erdumlaufbahn kaum ab und die Leuchtkraft selbst der hellsten Sterne ist zu schwach, um auf das irdische Klima zu wirken.

1925 erklärte der Philosoph Ernst Cassirer schließlich, dass die Astrologie zwar auf eine wissenschaftliche Methodik sei, jedoch auf einem ganz anderen "Weltbegriff" beruhe als der akademische Zweig der Gestirnslehre, die Astronomie. Um 1930 konstatierte der Philosoph Karl Popper, dass Astrologen zwar eine stupende Masse von Beobachtung gesammelt hätten, jedoch die Masse sie jedoch nicht akkurater mache. Die Astrologie genüge wissenschaftlichen Standards nicht, ähnlich wie aus seiner Sicht die Psychoanalyse funktioniere sie wie ein "Mythos", der nach Bestätigung seiner Überzeugungen sucht, statt Hypothesen ergebnisoffen an der Wirklichkeit zu testen.

Zu ihrer Ehrenrettung griff die Astrologie Carl Gustav Jungs Konzept der Synchronizität auf. Der Psychologe bezeichnete damit zeitlich übereinstimmende Ereignisse, die zwar nicht kausal verknüpft sind, aber dennoch als aufeinander bezogen wahrgenommen und gedeutet werden. Ein körperlicher Zustand kann demnach ein inneres Ereignis - eine Idee, einen Traum, eine Emotion - spiegeln. "Tiefenpsychologische Problematiken spiegeln sich auch im Horoskop. Mann könnte von einer Art Synchronizität zwischen Planetenbewegungen und Ereignissen ausgehen - allerdings müsste man ein metaphysisches Weltbild heranziehen, um solche Beziehungen zu erklären", findet Karlheinz Dotter, Leiter des Kepler-Instituts für astrologische Ausbildung in Wien.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-01-27 17:47:05
Letzte Änderung am 2017-01-27 18:08:04


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