• vom 31.01.2017, 20:00 Uhr

Kultur


Postfaktizität

Zeitalter des Glaubens




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Von Edwin Baumgartner

  • Die Notwendigkeit des Vertrauens auf unüberprüfbare Quellen leistet der Postfaktizität Vorschub.

(Quelle: Zerbor/Fotolia)

(Quelle: Zerbor/Fotolia) (Quelle: Zerbor/Fotolia)

7 + 4 = 12

Wir befinden uns also mitten in der postfaktischen Mathematik. Das erkennt jeder mühelos. Aber wie ist es damit: Die Quadrat-
wurzel aus 137 ist 11,7046979107196251. Glauben Sie, dass das stimmt? Bitte die Taschenrechner weglegen (und die Bleistifte und Zettel auch, falls jemand händisch nachrechnen will)!


Der Gleichung 7 + 4 = 12 entspricht in etwa die Behauptung, die Welt würde von Reptiloiden regiert oder Homöopathie wäre über den reinen Placeboeffekt hinaus wirksam. Was, umgekehrt, wiederum bedeutet, dass einige Menschen tatsächlich bereit sind zu akzeptieren, dass, zumindest unter bestimmten Voraussetzungen, 7 plus 4 tatsächlich 12 ergibt. Mit der Quadratwurzel aus 137 ist es schon schwieriger - bitte um einen Moment Geduld.

Das Wort "postfaktisch" ist der "Postmoderne" nachgebildet. Als wahr gilt, was man glaubt. Und zwar glaubt, weil man die Überprüfung für unnötig hält, oder weil sie sich dem eigenen Zugriff entzieht. Die Ungewissheit wird damit in den Rang der individuellen Wahrheit gehoben.

Die postfaktisch Beteiligten
Für das postfaktische Zeitalter braucht es also zwei Beteiligte: Einen, der die Postfakten behauptet ("7 + 4 = 12"), und einen, der sie glaubt. "Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher", legt Bertolt Brecht in seinem Stück "Das Leben des Galilei" der Titelgestalt in den Mund. Was sind nun jene, die eine Lüge aus Überzeugung für die Wahrheit halten und sie verbreiten? Nur Dummköpfe?

Aus jüngerer Zeit ein Beispiel. Im Jahr 2014 behauptete der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan, Amerika sei von muslimischen Seefahrern entdeckt worden. Die nicht-muslimische Welt schien zu platzen vor Lachen. Erdogans Behauptung war ein Fall von 7 + 4 = 12. Weiß man doch: erst die Wikinger, dann Columbus.

Was aber, wenn die chinesische Schatzflotte in der ersten Hälfte der 1420er Jahre nach Amerika vorgestoßen wäre? Etliche Historiker halten das für möglich bis wahrscheinlich. Ihr Admiral Zheng He war - Muslim. Als solcher hieß er Haddschi Mahmud Schams. Erdogan hat sich nicht auf die chinesische Schatzflotte bezogen, und man kann diese schwerlich als muslimische Unternehmung bezeichnen.

Dennoch lassen die Fakten mit einem Mal weniger eine Parallele zu 7 + 4 = 12 zu als zur Quadratwurzel aus 137: Die Sache wird zur Frage des persönlichen Glaubens, der individuellen Interpretation in beide Richtungen. Man kann glauben, dass Columbus (und damit ein europäischer Christ) als erster Seefahrer nach den Wikingern in Amerika war. Man kann glauben, dass es Zheng He (und damit ein asiatischer Muslim) war. Es gibt hier keine Sicherheit, die der mathematischen Gewissheit bei der Addition 4 + 5 = 9 entspräche.

Beim Philosophicum Lech dehnte Rüdiger Safranski die Ungewissheiten auf jene Disziplinen aus, die gemeinhin als faktenbasiert gelten. In seinem Vortrag erklärte der deutsche Literaturwissenschafter und Schriftsteller: "Es gibt in der Wissenschaft Felder, wo besonders intensiv geglaubt wird. Wenn die sogenannten Wirtschaftsweisen ihre Orakelsprüche verkünden, dann sollen wir an die verkündeten Konjunkturprognosen glauben. Und so glauben wir auch an die Psychoanalyse, an den Urknall, an die Klimakatastrophe, an die Entropie samt kosmischem Kältetod, an die egoistischen Gene usw." Auch die Evolutionstheorie hätte Safranski miteinbeziehen können und die Dunkle Materie.

Das Ende der Überprüfbarkeit
Für den Glauben im postfaktischen Zeitalter zählt nämlich nicht, was Fachleute experimentell belegen oder theoretisch fundamentiert beweisen können, sondern was individuell nachvollziehbar ist. Dass man sie glauben muss, sagt dabei nichts darüber aus, ob die Behauptungen richtig oder falsch sind.

Zum Beispiel schrieben Wissenschaftsseiten am 23. Juni 2016 euphorisch über eine Meldung der Nasa, der zufolge der Marsrover "Curiosity" bei der Untersuchung einer Gesteinsprobe das Mineral Tridymit entdeckt habe, das bisher nur auf der Erde in Zusammenhang mit kieselsäurereichem Vulkanismus gefunden worden sei. Auf dem Mars habe man diese Art von Vulkanismus und somit auch Tridymit nicht erwartet.

Das zu glauben, setzt voraus, dass man sowohl der Nasa vertraut als auch dem Wissenschaftsjournalisten, der den Artikel verfasst hat: Der Nasa, dass die Meldung stimmt, und dem Wissenschaftsjournalisten, dass er sie richtig aus dem Englischen übersetzt und korrekt interpretiert hat. Selbst, wenn man dem Wissenschaftsjournalisten misstraut und, zwecks Überprüfung, die Website der US-amerikanischen Raumfahrtbehörde aufsucht, ist hier Endstation. Entweder man glaubt die Meldung, oder man glaubt sie nicht. Glauben ist sowohl das eine wie auch das andere.

Wobei es keinen vernünftigen Grund gibt, der Nasa zu misstrauen. Tatsache ist aber, dass wir mangels Möglichkeiten die Meldung nicht weiter auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen können. Wir sind in einer ähnlichen Lage wie der Mensch des Mittelalters, dem ein Priester eben erklärt hat, im Zentrum des Universums stehe die Erde und um sie herum kreisen die Planeten und die Sonne.

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Schlagwörter

Postfaktizität, Glauben, Essay

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2017-01-31 16:12:05
Letzte Änderung am 2017-01-31 16:14:04


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