Rio de Janeiro. Stefan Zweig hält einen Vortrag in der Musikschule Rio de Janeiro, es ist der 27. August und Zweig schließt seinen ersten, triumphalen Besuch in Rio im Jahr 1936 ab. Das Publikum spendet dem Literaten stehende Ovationen, begeisterte Fans warten auf Autogramme.

Im Film "Vor der Morgenröte" der deutschen Regisseurin Maria Schrader über das Exil des österreichischen Schriftstellers Stefan Zweig, der in Brasilien derzeit unter dem Titel "Adeus, Europa" läuft, kommt die Szene nicht vor. Aber im Fernsehbeitrag aus der Reihe "Canto dos Exilados" (Lied der Exilierten), den die Übersetzerin Kristina Michahelles bei der Präsentation des Buches "A Unidade Espiritual do Mundo" - "Die geistige Einheit Europas" in einer Buchhandlung in Rio de Janeiro zeigt, ist Zweigs Vortrag enthalten. Auch Alberto Dines beschreibt ihn im Vorwort des Bandes.

Stefan Zweig, 1881 - 1942, hier auf einer undatierten Aufnahme - © ap
Stefan Zweig, 1881 - 1942, hier auf einer undatierten Aufnahme - © ap

Das deutsche Originalmanuskript des Vortrags, den Zweig 1936 auf Französisch hielt, schenkte der Dichter - so haben es Dines und weitere Vorstandsmitglieder der Casa Stefan Zweig in Petrópolis rekonstruiert - dem brasilianischen Außenminister José Carlos de Macedo Soares, dieser ließ es in Leder binden und schenkte es wiederum Helena Conçeição Alves de Lima. Sie hatte Zweig auf ihrer Kaffee-Fazenda in Campinas und in ihrer Villa in Santos ihre Gastfreundschaft zuteil werden lassen. "Durch die so vornehme und intelligente Weise, in der Sie den großen jüdischen Schriftsteller empfingen, haben Sie, geehrte Freundin, sich das beiliegende Manuskript redlich verdient", schreibt Macedo Soares in dem Begleitbrief.

Ein Sammler aus São Paulo erwarb das Manuskript, das ursprünglich den Titel "L’unité spirituelle de l’Europe" trägt, Anfang dieses Jahrhunderts von einem brasilianischen Antiquar und überließ der Casa Stefan Zweig eine Kopie. Renato Bronfman, Vorstandsmitglied dieser Institution kaufte es schließlich.

Bronfmann, der in Genf in der Schweiz lebt, bewahrt das Manuskript in seinem Büro in Ipanema auf, wo es trocken ist - ein wichtiger Faktor im tropischen Rio. Als er es beim Interview in seinem Konferenzraum zeigt, gleicht das geradezu einem heiligen Ritual. "Das Manuskript zu finden war sehr schwierig", sagt Bronfman im Gespräch mit der "Wiener Zeitung", während er es aus einem Umschlag hervorholt. Freunde und Bewunderer Stefan Zweigs in Rio de Janeiro wussten jahrzehntelang nicht einmal von seiner Existenz; als es ihnen zum Kauf angeboten wurde, fehlte zunächst das Geld. Zehn Jahre vergingen, bevor Bronfman den Schatz für die Casa Stefan Zweig erwarb.

Mehrere Tage verhandelte Alberto Dines von der Casa Stefan Zweig in São Paulo und schickte Bronfman Kopien und Fotos vom wunderschönen Ledereinband, auf dem "Helena" eingraviert ist, und von der Box. Als das Manuskript schließlich bei Bronfman eintraf, war die Freude groß. Bronfman hatte lose, eventuell verblichene Blätter erwartet. Doch das Manuskript befindet sich in guten Zustand. "Ich war sehr beeindruckt, als ich es gelesen habe", sagt Bronfman. "Denn es beinhaltet alles, woran wir glauben: Pazifismus, Toleranz, Europa als Wiege der Intellektualität." Zusammen mit dem Begleitbrief José Carlos de Macedo hat die Casa Stefan Zweig das Buch mit dem Faksimile deshalb auch in fünf Sprachen - Deutsch, Portugiesisch, Spanisch, Englisch und Französisch - herausgegeben.

Das Vorwort lieferte auf brasilianischer Seite neben Alberto Dines Celso Lafer, zweimaliger Außenminister Brasiliens, sowie auf europäischer Seite Klemens Renoldner, Direktor des Stefan Zweig Centre der Uni Salzburg und Jaques Le Rider von der École Pratíque des Hautes Études in Paris.

Kristina Michahelles, die etwa Stefan Zweigs Texte "Die Welt von Gestern" und "Brasilien: Ein Land der Zukunft" ins Portugiesische übersetzt hat, hat das Manuskript, das in der für Zweig typischen lila Farbe geschrieben ist, transkribiert. "In Zeiten von Brexit, allgemeiner Zersplitterung und Krieg ist der Text wunderbar - oder wahnsinnig - aktuell, eine Warnung vor dem, was passieren kann", sagt sie. Er beinhalte zwei klare Botschaften: Erstens, Völker der Welt, wenn ihr nicht versteht, dann riskiert ihr alles, was die Menschheit in 1000 Jahren an Blüten der Kultur hervorgebracht hat. Zweitens, es gibt noch eine Hoffnung: die jungen Völker Südamerikas.

Als Stefan Zweig 1936 aus Southampton nach Rio kam, stand er noch unter dem Eindruck seines Zwischenstopps im spanischen Vigo. Der Spanische Bürgerkrieg war schon ausgebrochen, und mit seinen sensiblen Antennen fühlte Zweig auch den Zweiten Weltkrieg heraufziehen, seine Bücher waren in Deutschland schon verbrannt worden. "Nur manchmal glaubt man die schwarzen Schwingen des Krieges über seinem Schlafe rauschen zu hören", heißt es in dem Text "L‘ unite spirituelle de l’Europe", den Zweig noch am Tag der Ankunft, dem 21. August, im Copacabana Palace auf Französisch und Deutsch anfing. Am 25. August schrieb er ihn fertig. Es war der wichtigste und gedrängteste Tag: Stefan Zweig hatte eine Audienz bei Präsident Getúlio Vargas, hielt anschließend eine Rede in der Academia Brasileira de Letras, signierte Bücher bis um 19 Uhr und ging dann erst ins Hotel, um den Text zu beenden.