• vom 07.06.2017, 16:29 Uhr

Kultur

Update: 07.06.2017, 16:38 Uhr

Türkei

Erdogan gegen Erdogan




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  • Die Autorin Asli Erdogan darf nicht aus der Türkei ausreisen - der Amnesty-Landeschef wurde festgenommen.

Asli Erdogan kann den Bruno-Kreisky-Preis nicht persönlich entgegennehmen.

Asli Erdogan kann den Bruno-Kreisky-Preis nicht persönlich entgegennehmen.© afp/Ozan Kose Asli Erdogan kann den Bruno-Kreisky-Preis nicht persönlich entgegennehmen.© afp/Ozan Kose

Wien/Ankara. Den Bruno-Kreisky-Menschenrechtspreis wird die Preisträgerin am Freitag nicht persönlich entgegennehmen können: Asli Erdogan (50), Schriftstellerin, ausgezeichnet "für ihre herausragenden Verdienste um die Sicherung der Menschenrechte", darf aus der Türkei weiterhin nicht ausreisen. Das bestätigt der Historiker Oliver Rathkolb im Namen der zuständigen Stiftung. Den Preis werde daher ihr Anwalt entgegennehmen.

Asli Erdogan war im Dezember aus der Haft freigekommen, muss sich aber weiter wegen des Vorwurfs der "Terrorpropaganda" verantworten. Gegen Erdogan wird im Zusammenhang mit der inzwischen geschlossenen Zeitung "Özgür Gündem" ("Freie Agenda") ermittelt und ein umstrittener Prozess geführt. Die Justiz wirft dem Blatt vor, ein Propagandaorgan der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei (PKK) zu sein. Im Fall einer Verurteilung droht der Schriftstellerin lebenslange Haft. Das Verfahren wurde am Dienstag auf den 22. Juni vertagt.


Physikerin und Autorin
Asli Erdogan, die keine verwandtschaftlichen Verbindungen zum türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan hat, ist promovierte Physikerin. 1991 forschte sie im Alter von erst 24 Jahren am europäischen Kernforschungszentrum Cern in Genf über das Higgs-Boson. Parallel zu ihrer wissenschaftlichen Karriere veröffentlichte sie literarische Arbeiten. 1990 hatte sie für ihre erste Novelle beim Literaturwettbewerb Yunus-Nadi-Preis den dritten Platz belegt. Sie kehrte 1993 nach Istanbul zurück, arbeitete als Assistentin an der Universität und verfasste den Roman "Kabuk Adam" (deutsch "Der Muschelmann").

Allerdings fühlte sie sich bereits damals in der Türkei bedroht. 1994 reiste sie nach Brasilien, um an der Päpstlichen Universität von Rio de Janeiro ihre Doktorarbeit zu schreiben. Sie begann sich für Anthropologie zu interessieren und unternahm Forschungsreisen ins Amazonasgebiet.

1996 reiste sie in die Türkei zurück. Sie beendete ihre wissenschaftliche Tätigkeit, um als Schriftstellerin zu leben. Für die linksliberale türkische Tageszeitung "Radikal" schrieb sie Kolumnen, beim P.E.N. war sie im Komitee "Schriftsteller in Haft".

Frei, aber nicht in Freiheit
Am 16. August 2016 wurde Asli Erdogan im Rahmen einer Verhaftungswelle von Journalisten und Mitarbeitern der pro-kurdischen Tageszeitung "Özgür Gündem" festgenommen, nachdem die Staatsanwaltschaft die Schließung der Zeitung angeordnet hatte. Asli Erdogan wurde "Propaganda für eine illegale Organisation", "Mitgliedschaft bei einer illegalen Organisation" und "Volksverhetzung" vorgeworfen. Nach der Vorführung vor einen Haftrichter wurde Asli Erdogan ins Bakirköy-Gefängnis überführt. Aus dem Gefängnis schrieb sie: "Europa scheint die Gefahren des totalen Verlusts der Demokratie in der Türkei zu unterschätzen. Jetzt zahlen wir - die Schriftsteller, Journalisten, Kurden, Aleviten und natürlich die Frauen - den hohen Preis für die Demokratiekrise."

Asli Erdogan ist Diabetikerin, laut ihren Aussagen wurden ihr im Gefängnis zeitweise die Medikamente verweigert. Im Dezember wurde sie zwar enthaftet, allerdings nur unter strengen Auflagen, die ihre Freiheit einschränken. Schließlich wird der Prozess gegen sie fortgesetzt. In ihrer Verteidigungsrede sagte sie, sie habe in keiner einzigen ihrer Kolumnen der Gewalt das Wort geredet. "Ich bin nur eine Schriftstellerin", erklärte sie. "Man sollte sich schämen, dass eine Schriftstellerin ihre Literatur in einem Gerichtssaal und flankiert von Gendarmen verteidigen muss."

Mitte Mai wurde Erdogan der mit 25.000 Euro dotierte Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis zugesprochen für ihr Werk "Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch". Der Band enthält Essays, die derzeit in der Türkei nicht erscheinen können.

Behörden gegen Amnesty
Nicht nur gegen das freie Wort geht die Türkei derzeit massiv vor, sondern auch gegen Vertreter von Menschenrechtsorganisationen. So haben die türkischen Behörden nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Amnesty International deren Landes-Chef festgenommen: Taner Kilic werde verdächtigt, Verbindungen zum Netzwerk des muslimischen Predigers Fethullah Gülen zu haben.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-06-07 16:32:09
Letzte Änderung am 2017-06-07 16:38:21


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