• vom 06.11.2017, 16:26 Uhr

Kultur

Update: 08.11.2017, 17:17 Uhr

Die Spione des Papstes

Papst gegen Hitler




  • Artikel
  • Lesenswert (2)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Wolfgang Taus

  • Pius XII. ist wegen seiner Zurückhaltung in der NS-Zeit umstritten - Mark Riebling enthüllt die geheimen Aktivitäten des Pontifex.

Die Handlungsweise von Papst Pius XII. in der NS-Zeit ist umstritten. Ein Buch klärt über seine tatsächlichen Operationen auf.

Die Handlungsweise von Papst Pius XII. in der NS-Zeit ist umstritten. Ein Buch klärt über seine tatsächlichen Operationen auf.© afp Die Handlungsweise von Papst Pius XII. in der NS-Zeit ist umstritten. Ein Buch klärt über seine tatsächlichen Operationen auf.© afp

Seit einem Jahrtausend hatte wohl noch kein Papst die Macht in einem solchen Klima der Angst am Vorabend des Zwei-
ten Weltkrieges im März 1939 übernommen. Eugenio Pacelli alias Pius XII., der frühere apostolische Nuntius für die Wei-
marer Republik, lenkte als ein "politischer Papst" die Geschicke des Vatikans bis zu seinem Tod 1958.

Das Pontifikat, das Pacelli erbte, war ebenso zwiespältig wie er selbst. Gegen die Übergriffe der SA und Gestapo auf katholische Gruppen hatte Pacelli oft päpstliche Protestnoten an die Reichsregierung gesandt. Bei "nichtmilitärischen Tötungsoperationen" sollten die Nazischergen bis zum Ende des Dritten Reiches circa 2,4 Millionen katholische Polen ermorden. Auch wenn die Verfolgung nichtjüdischer Polen hinter dem industriellen Völkermord an Europas jüdischer Bevölkerung zurückblieb, kam sie einem Genozid nahe und bereitete den nachfolgenden Ereignissen den Weg.


Auch wenn Pacelli am 20. Oktober 1939 öffentlich in seiner Enzyklika "Summi pontificatus" dagegen Stellung bezog, so blieb bislang die weitere offenkundige diplomatische Zurückhaltung des Vatikans gegenüber dem Wüten Hitlers eine der großen Kontroversen der Zeit.

Materialien aus Geheimdienstarchiven
Diejenigen, die später seine gewundene Politik erkundeten, ohne etwas von seinen geheimen Aktionen zu ahnen, fragten sich, warum er trotz seiner scheinbaren Feindschaft gegenüber dem NS-Regime und seiner als "Irrlehre" definierten Ideologie eine solche Zurückhaltung an den Tag legte. Aber wenn man seine verdeckten Operationen gegen Hitler mit seinen öffentlichen Äußerungen vergleicht, ergibt sich ein klarer Zusammenhang.

Mark Riebling, er lehrt unter anderem an der Päpstlichen Universität Gregoriana, analysiert anhand umfangreicher und bislang unveröffentlichter Quellen aus US-Geheimdienstarchiven, welche Rolle das Spionagenetzwerk des Vatikans, insbesondere unterstützt durch den schillernden deutschen Anwalt Josef Müller, einem der späteren Gründungsväter der bayrischen CSU, im Kampf gegen das NS-Regime innehatte. Als Gegner Hitlers hatte er unter anderem Kontakte zum militärischen Widerstand um den Leiter der Abwehr des militärischen Geheimdienstes der Wehrmacht, Wilhelm Canaris.

Müller (Beiname "Ochsensepp") entging nur knapp seiner Hinrichtung am Galgen durch die Schergen Hitlers. Das letzte Mal, dass Pius XII. während
des Krieges öffentlich das Wort "Jude" äußerte, war tatsächlich der erste Tag, für den sich sei-
ne historische Entscheidung belegen lässt, die Ermordung Hitlers zu unterstützen, schließt der Autor.

sachbuch

Die Spione des Papstes - Der Vatikan im Kampf gegen Hitler

Mark Riebling

Piper, 496 Seiten, 26,80 Euro




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-11-06 16:32:05
Letzte Änderung am 2017-11-08 17:17:12


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Eine Million Dinge, um das Leben zu leben
  2. "Das muss von den Muslimen kommen"
  3. "News": Ausgabe entfällt, Redaktion in Sorge
  4. Auch sehr schön
  5. Ein Zerrissener in Halb-Asien
Meistkommentiert
  1. Klamauk um ein Politfossil
  2. Navi ein, Gehirn aus
  3. Ein Banksy ist immer gut
  4. Heidi tanzt auf zwei Kirtagen
  5. "Die Krankheit zuerst verstehen"

Werbung





Werbung