Diese Ausstellung ist in jeder Hinsicht zu: zu groß auf zu kleinem Raum, zu detailfreudig, zu pauschal, zu unübersichtlich, zu kulinarisch, zu verkopft. Es ist eine Ausstellung, für die man sich einen halben Tag Zeit nehmen sollte, mindestens, die man, im Idealfall, mehrmals besucht, und zwar am besten nach der Lektüre des hervorragenden Ausstellungskatalogs, der ohnedies als Ergänzung unabdingbar ist.

Die Schau "Genosse.Jude - Wir wollten nur das Paradies auf Erden" verhandelt den Kommunismus in der Sowjetunion und in Österreich (zentriert auf Wien) von seinen Ursprüngen bis zur Perestroika aus spezifisch jüdischer Sicht. Da ist es naturgemäß nicht mit drei Fotos und zwei Bildern getan. So haben denn die Kuratorinnen Gabriele Kohlbauer-Fritz und Sabine Bergler Unmengen Material gesammelt und in thematische Zusammenhänge gebracht, Stefan Fuhrer inszeniert das ausgehend von Bildgestaltungsweisen des russischen Futurismus. Über allem weht in der Schau die Poale-Zion-Fahne mit der jiddischen Inschrift "Proletarier aller Länder, vereinigt euch" des österreichischen Teils der internationalen zionistisch-sozialistischen Bewegung Poale Zion. Da scheinen Kommunismus und Judentum vereint.

Ideal und Wirklichkeit

Ganz zu Beginn waren sie es auch. Damals, als das zaristische Russland die Juden unterdrückte und mörderische Pogrome billigte, erschien der Kommunismus mit seinen Idealen der Internationalität und der Gleichheit aller Menschen vielen Juden als "Paradies auf Erden". Zum ersten Mal wird Wien Drehscheibe jüdischer Bewegungen, so fand etwa Leo Trotzki in der österreichischen Hauptstadt Zuflucht vor der zaristischen Verfolgung. In den 1970er Jahren ist Wien dann abermals Drehscheibe - diesmal für die Juden, die aus der Sowjetunion in Richtung Israel oder USA auswandern. Denn das "Paradies auf Erden" hat sich längst gewandelt. Obwohl Juden im "Großen Vaterländischen Krieg" an vorderster Front kämpften, sind sie bald wieder Menschen zweiter Klasse - Stalins Paranoia spielt dabei eine gewichtige Rolle. Der Antisemitismus gilt in der Sowjetunion zwar besiegt, doch die gelebte (und tötende) Praxis widerspricht den offiziellen Stellungnahmen. Es geht nur noch darum, wie man den Antisemitismus benennt, ohne ihn Antisemitismus nennen zu müssen. In den Schauprozessen sind bemerkenswert viele Juden angeklagt. Immer wieder finden sich Vorwände, gegen Juden vorzugehen.

Andererseits ist die KPÖ in Österreich die einzige Partei, welche die während der NS-Diktatur geflohenen Juden bittet zurückzukehren. Das Niederschlagen des Prager Frühlings wird dann zum Richtungsstreit. In ihm verliert die KPÖ zahlreiche Mitglieder, die sich gegen den sowjetischen Kommunismus wenden, wie etwa der Komponist und "Volksstimme"-Musikkritiker Marcel Rubin, dessen die Schau mit einem von Georg Eisler gemalten Porträt von außerordentlicher Qualität gedenkt.

Die Ausstellung macht auf solche Weise den Versuch, anhand von Plastiken, Gemälden, Plakaten und Schriftstücken jüdischer Künstler und Intellektueller die Entwicklung des Kommunismus in der Sowjetunion und in Österreich nachzuvollziehen. Da wären etwa Boris Jefimows Arbeiten, viele von ihnen an der Grenze zwischen Kunstwerk und Karikatur. Von Willy Verkauf Verlons Gemälde "Vers l’avenir" mag man den Blick nicht abwenden, Solomon Nikritins "Gerichtshof" lässt das Blut in den Adern gefrieren und kontrastiert zu Isaak Brodskis grotesk idealisierter Stalin-Darstellung.

Egon Erwin Kisch, Isaak Babel, Manès Sperber, El Lissitzky - der Parade der Namen und Bilder ist kein Ende. Beim Betrachter tritt statt Erkenntnis Betäubung ein. Und die Gewissheit, dieser Schau eine zweite, eine dritte Chance nicht geben zu wollen, sondern geben zu müssen.

ausstellung

Genosse.Jude - Wir wollten nur das Paradies auf Erden

Gabriele Kohlbauer-Fritz, Sabine Bergler (Kuratorinnen)

Jüdisches Museum im Palais Eskeles (1010, Dorotheergasse 11)

Bis 1. Mai 2018