Natürlich darf man weiterhin eine Frau ansprechen und ihr ein Kompliment machen. Wichtig ist die Aufklärung. Es gibt eine strikte Grenze zwischen Flirt und Sexismus, aber eine fließende zwischen sexistischen Bemerkungen, einer Anmache bis hin zum Übergriff. Ein Flirt kann auch mit erotischen Mitteln operieren, auch mit Anspielungen, aber es ist ein wechselseitiges Spiel auf Augenhöhe, in gegenseitiger Akzeptanz. Sobald dieses Spiel verlassen wird, sobald einer von beiden sagt: "Ich mache das so nicht mehr mit" und die andere Person das nicht akzeptiert, wird es ernst.

In die aktuelle Diskussion mischen sich Stimmen, die meinen, Frauen hätten Mitschuld, wenn sie nicht sofort vehement "Nein" sagen.

Es ist ein Denkfehler, zu glauben, dass es an den Frauen liegt und an der Art, wie sie ihr "Nein" äußern. Es kann in bestimmten Situationen auch körperlich oder mit bestimmten Signalen geäußert werden. Es gibt auch Beispiele, wo Angst und Zurückhaltung angebracht sind oder die Frau wie gelähmt ist. Es gibt da wirklich kein Patentrezept. Das Problem sind die Männer, die ein "Nein" nicht wahrnehmen und nicht akzeptieren oder als Herausforderung sehen. Es gibt immer noch diesen Mythos vom Widerstand, der durchbrochen werden muss.

Ist Sexismus ein Problem der älteren Männergeneration?

Nein. Das liegt erstens an einer frühzeitigen Pornografisierung durch das Internet. Die Frau wird früh zum Objekt gemacht. Bei #metoo und #aufschrei meldeten sich viele junge Mädchen, die verzweifelt waren, weil die Buben aus ihrer Schule plötzlich von ihnen Nacktfotos machen wollten. Die haben einen pornografisierten Blick auf Sexualität, bevor sie wissen, wie diese richtig funktioniert. Zweitens gibt es junge Männer, die sich in Rudeln zusammenschließen und Frauen verführen, sogenannte Pick-up-Artists. Sie lernen, Psychotechniken zu entwickeln, wie man Frauen schnell ins Bett kriegt. Das ist ein Hobby für Leute mit schwachem Ego, die damit ihr Selbstbewusstsein stärken: eine neue Variante alter Frauenfeindlichkeit.

Ist der Feminismus schuld, dass der Mann in einer Krise steckt?

Das ist ein Schutzargument. Da projizieren Männer die Angst um ihre Männlichkeit hinein, die sich aber aus ganz anderen Quellen speist. Männlichkeit war bisher immer an lebenslange Erwerbstätigkeit gebunden. Das zerfällt, das hat gesellschaftliche und ökonomische Gründe. Das wird jetzt stellvertretend der Frauenbewegung und dem Feminismus angelastet.

Zur Person

Rolf

Pohl

ist Sozial-
psychologe und war bis vor kurzem als Hochschul-
lehrer an der Leibniz Universität Hannover im Fach Soziologie tätig. Seine Schwerpunkte sind Geschlechterforschung und politische Psychologie.