Wien. Stammtische gelten als Urform der politischen Diskussionsrunde: Sogar der scheidende Bundeskanzler Christian Kern ließ sich in zwei Videos inszenieren, um die "Wahrheit" aus dem Mund des Volkes zu hören. Der Erwachsenenbildner Hakan Gürses im Interview über eine zwiespältige soziale Einrichtung und wie man sich gegen dumpfe Parolen wehrt.

"Wiener Zeitung":Was verstehen Sie unter einem Stammtisch?

Hakan Gürses:Ein Stammtisch ist eine Art periodisches Treffen mit gemeinschaftlichem Charakter. Man kommt zusammen und diskutiert. Indem der Stammtisch seinen Teilnehmern einen geschützten Rahmen bietet, hat er eine Ventilfunktion. Das ist an sich weder gut noch schlecht. Aber insgesamt hat der Stammtisch eine Schlagseite: Wir kennen ja die Phrase "Das wird man wohl noch sagen dürfen", einen Stehsatz, dem meistens rassistische, sexistische, homophobe oder behindertenfeindliche Aussagen folgen.

Was ist eine Stammtischparole?

Meist eine Form des Redens, die pauschal eine Gruppe verletzt. Dahinter steckt eine sehr verkürzende Denkweise. Eine Gruppe wird als Sündenbock abgestempelt. Das ist weltweit eine wirksame Waffe, von Herrschenden eingesetzt, um die Gesellschaft zu spalten. Ein weiteres Merkmal ist, dass sich die Sprechenden selbst zu Opfern stilisieren.

Geht es um Angst vor dem Unbekannten?

Es werden einige Dinge unterstellt: Erstens, dass man sich vor dem Unbekannten immer fürchten muss. Damit macht man die Menschen eigentlich zu "Dummerln". Zweitens kann man damit zeigen, dass man sich selbst vielleicht gar nicht fürchtet, aber die anderen. Drittens können Fremde demnach nur Angst auslösen. Viertens diskutiert man nie, was "fremd" bedeutet und warum etwas so wahrgenommen wird. An sich kommt etwas nicht als "fremd" daher; den Leuten wird gesagt, was fremd und was vertraut ist.

Wie kann man sich diesen Parolen widersetzen?

Eine Grundvoraussetzung ist, dass man sie nicht einfach so stehen lässt. Klaus-Peter Hufer, der dafür ein Training entwickelt hat, sagt, dass die Stammtische Keimzellen einer autoritären Denkform sind. Ich bin der Meinung, dass sie auch ein Indikator für die politische Stimmung in einem Land sind, für strukturellen Rassismus. Aber das ist ein Problem aller Länder. Der Stammtisch ist ein Kürzel, es gibt ihn in der Straßenbahn, im Taxi. Wie kann man widersprechen? Wir versuchen es meist sachlich, vergessen aber wichtige Aspekte der Kommunikation.

Welche?

Erst muss man sich Gehör verschaffen, denn Phrasendrescher hören oft gar nicht zu. Es ist nicht schlecht, sie mit den möglichen Folgen ihrer Art des Diskutierens zu konfrontieren. Dabei sollte man auf die eigene Lautstärke achten, auch auf die Körperhaltung. Vor allem aber muss man versuchen, eine argumentative Kommunikation herzustellen. Es kann jemand anderer Meinung sein, aber es geht darum, die Diskussion mit Argumenten zu führen. Nur so habe ich eine Möglichkeit, meine Sicht darzulegen und die Person vielleicht sogar zu überzeugen. Es kann natürlich ganz unterschiedliche Motive geben, warum man in so ein Gespräch hineingeht: um zu überzeugen, um eine Grenze zu ziehen oder um andere zu schützen.

Bevor ich also ein gutes Argument vorbringe, ist viel Arbeit nötig?

Wir sammeln erst die Stammtischparolen, dann machen wir Simulationen, diskutieren und erarbeiten eine Liste an Gegenstrategien. Auch Humor ist wichtig. Die Leute hauen ja auf den Tisch und bringen diese auswendig gelernten, gereimten Parolen vor, etwa: "Heute gestohlen, morgen schon in Polen", "Frau am Steuer, Ungeheuer". Diesen Behauptungen soll man etwas entgegensetzen, zum Beispiel: "Das Boot ist voll" - "Aber wir leben doch in einem Binnenland". Oder wenn man sagt, dass einem die Ausländer die Arbeitsplätze wegnehmen: "Ich wusste gar nicht, dass du einen Dönerstand hast." Oder auf die Widersprüche aufmerksam machen: Einerseits nehmen die Ausländer die Arbeitsplätze weg, andererseits sind sie faul. Also was jetzt? Das zeigt, wie schräg und verlogen die Debatte ist.

Zur Person

Hakan
Gürses
ist Erwachsenenbildner und bietet ein Argumentationstraining gegen Stammtischparolen, das von Klaus-Peter Hufer entwickelt wurde. Gürses ist wissenschaftlicher Leiter der Österreichischen Gesellschaft für Politische Bildung.