• vom 19.12.2017, 20:02 Uhr

Kultur

Update: 19.12.2017, 20:23 Uhr

Kulturpolitik

Weg von der Gießkanne




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Von Judith Belfkih

  • Schlanker, gezielter und planbarer - was die Regierung mit der Kunst vorhat. Eine Analyse.

Bundes-Kultureinrichtungen wie das Kunsthistorische Museum sollen schlankere Strukturen bekommen. - © KHM-Museumsverband

Bundes-Kultureinrichtungen wie das Kunsthistorische Museum sollen schlankere Strukturen bekommen. © KHM-Museumsverband

Wien. "Österreich ist eine Kulturnation", deren Kulturlandschaft bildet nicht nur eine "tragende Säule der Gesellschaft", sondern leistet auch einen wichtigen Beitrag für die "Diagnose gesellschaftlicher Herausforderungen".

Es sind schmuckvolle und starke Worte, mit denen die neue Regierung sich in ihrem Programm zu Kunst und Kultur bekennt. Vom Wirtschaft- und Tourismusfaktor über Identität bis zum Integrations- und Bildungstool sind alle Bereiche und Funktionen des Kulturlebens auf kompakten fünf Seiten abgebildet. Um all das zu erhalten und zu schärfen, wurde eine Zieldefinition mit fünf Punkten erarbeitet. So soll eine einheitliche Kulturstrategie erarbeitet werden, Subventionen planbarer und ergebnisorientierter gestaltet und Strukturen der Bundeseinrichtungen schlanker werden. Dazu kommen ein einheitliches Konzept für das Gedenkjahr 2018 sowie mehr künstlerische Bildung an Kindergärten und Schulen. Letzteres dürfte auf viel Wohlwollen stoßen - die Bedeutung von Kunstunterricht für die Persönlichkeitsentwicklung ist allgemein anerkannt. Bei den weiteren Punkten werden sich für den neuen türkisen Kulturminister Gernot Blümel mögliche Herausforderungen erst in der konkreten Umsetzung der mitunter vage formulierten Maßnahmen herauskristallisieren. Das Erarbeiten einer einheitlichen Kulturstrategie klingt vernünftig, könnte sich aber als schwierig erweisen - die Definition von Kunst und ihrer Leitbilder jenseits von hübschen Worthülsen ist tückisch. Zentral sollen die Stärkung der Auslandskultur, klare Kompetenzregelungen zwischen Bund und Ländern und ein "Denkmalfonds" dazu beitragen. Auch die "Berücksichtigung eines fruchtbaren Miteinanders von Volks- und Hochkultur" ist ein klares Ziel.


Das Bekenntnis zur "Freiheit der Kunst" soll all diese Schritte leiten - was sich auf den zweiten Blick mit so mancher Maßnahme spießen könnte. Die Regierung will weg vom "Gießkannenprinzip", hin zu gezielterer, langfristiger Förderung. Der Kuchen soll also auf weniger Institutionen aufgeteilt werden. Für diesen "klugen Einsatz der Mittel" soll mithilfe von "klar definierten Qualitätskriterien" der "Sprung in die wirtschaftliche Unabhängigkeit" gefördert werden. Ob sich das immer mit der Freiheit der Kunst verträgt, ist zumindest fraglich.

"Österreich-Quote" geplant
Heimische Kunst fördern will man etwa mit einer "Österreich-Quote" für öffentlich-rechtliche Medien "zu reichweitenstarken Sendezeiten" - genannt ist konkret Ö3, indirekt der ganze ORF. Längerfristige Planbarkeit ist ein Segen für Kulturinstitutionen - erreicht werden soll sie durch eine Novellierung des Kunstfördergesetzes, etwa durch Evaluierung aller Förderungen ab 100.000 Euro. Neue Förderkriterien sollen Qualität und Wirkungsziele sein. Für deren Einhaltung gibt es Prämien - ein schwammiger wie heikler Punkt. Nur zu fördern, was breit wirksam ist, führt langfristig zum Verarmen der Kunstlandschaft. Abgesehen davon, dass es objektive Qualitätskriterien in der Kunst wohl nie wird geben können, ohne ihre Freiheit zu beschneiden. Zusammen mit der "Ankurbelung privater Kunstförderung" weht auch ein neoliberaler Wind durch das Programm.

Ein gemeinsames Konzept für die Gedenkfeiern 2018 ist löblich, auch wenn es in vielen Bereichen etwas spät kommen dürfte. Auch des Jahres 1938 und des "Anschlusses" soll gedacht werden - hier bekennt die Regierung sich klar zur "Mitschuld" Österreichs.

Eine Art Verwaltungsreform soll es auch geben. Evaluiert werden sollen die Strukturen der Bundeseinrichtungen. Ziel ist es, Synergien zu nutzen und Bereiche in einer gemeinsamen Organisation zu bündeln - aufbauen soll das auf der Arbeit von Blümels Vorgänger Thomas Drozda, etwa dem "Weißbuch der Bundesmuseen". Neu aufgestellt werden sollen das Bundesdenkmalamt und die Bundestheaterholding. In welcher Form, ist noch unklar.

Ein engagiertes Programm für die kommenden fünf Jahre, das - zumindest mit den richtigen Umsetzungsdetails - ein Gewinn für den Kulturstandort sein kann.

Mit prägenden Personalentscheidungen wird sich Minister Blümel demnächst kaum schmücken können. Mit Burgtheater, Staatsoper, KHM und Belvedere sind die Flaggschiffe jedenfalls gerade frisch besetzt worden.




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Dokument erstellt am 2017-12-19 20:05:05
Letzte nderung am 2017-12-19 20:23:04



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