• vom 05.01.2018, 11:59 Uhr

Kultur

Update: 05.01.2018, 12:53 Uhr

Kommunikation

"Da braucht’s doch nur gesunden Menschenverstand"




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Von Simon Rosner

  • Wenn wir mit anderen kommunizieren, gelten ungeschriebene Verhaltensregeln. Doch wer verhandelt sie?


© Wolfgang Ammer © Wolfgang Ammer

Was lässt uns die neue Chefin im Büro mit einem "Grüß Gott" und einem Handschlag begrüßen und nicht mit einem lässigen "Servus"? Die gute Kinderstube? Und woher wissen wir, dass zu einem Vorstellungsgespräch der Jogginganzug eher nicht die beste Kleidungswahl darstellt? Wegen der Etikette? Und warum reden wir mit guten Freunden anders als mit Kollegen und Kolleginnen und mit diesen noch einmal anders als mit uns völlig Unbekannten? Wegen des "gesunden Menschenverstandes"?

Diese bisweilen synonym gebrauchten Begriffe beschreiben tradierte Verhaltensweisen und Kommunikationsformen, bei denen (hoffentlich!) nicht erst die Google-Suche angeworfen werden muss. Es mag Erlerntes sein, Erfahrenes, Anerzogenes, Beobachtetes, wirklich zuordnen wird das kaum jemand können. Man weiß es halt. "Gesunder Menschenverstand" eben.


Und wir brauchen diese Rahmen auch, innerhalb derer wir uns relativ sicher in der Öffentlichkeit und im Umgang mit anderen Menschen bewegen können. Andernfalls wäre das Leben sehr kompliziert, jede Form zwischenmenschlicher Interaktion müsste individuell verhandelt werden: die Anrede, die Form der Sprache, der Ton. So kann Kommunikation aber nicht funktionieren, und so kann auch eine Gesellschaft nicht funktionieren.

"Po-Grapschen ist kein Kavaliersdelikt" - ein Flashmob im Februar 2013; zwei Jahre später wurde das österreichische Strafrecht adaptiert.

"Po-Grapschen ist kein Kavaliersdelikt" - ein Flashmob im Februar 2013; zwei Jahre später wurde das österreichische Strafrecht adaptiert.© apa/Hochmuth "Po-Grapschen ist kein Kavaliersdelikt" - ein Flashmob im Februar 2013; zwei Jahre später wurde das österreichische Strafrecht adaptiert.© apa/Hochmuth

Wie immer man nun diese, meist ungeschriebenen Kodizes auch bezeichnen mag, die gewünschtes beziehungsweises verpöntes Verhalten definieren, so ist klar, dass sie für uns von großem Nutzen sind, ja geradezu eine Bedingung für eine gelingende Kommunikation im öffentlichen und halböffentlichen Raum darstellen.

Solche Kodizes verlangen jedoch ein hohes Maß an Konformität. Das ist eine Voraussetzung. Es müssen also möglichst viele Menschen eine ungefähr gleiche Vorstellung von Werten und Sitten haben, davon, was geht und was eben nicht geht.

Während dies bei spezifischen Gemeinschaften wie Freundeskreisen, der Kollegenschaft oder Sportvereinsmitgliedern noch relativ gut funktioniert, erodiert dies immer mehr auf gesamtgesellschaftlicher Ebene. Die fortschreitende Individualisierung ist in dieser Hinsicht eine enorme Herausforderung. Wie kann sich eine Gesellschaft auf Verhaltens- und Kommunikationsregeln einigen, wenn es so divergierende Auffassungen gibt? Was ist denn heute tatsächlich noch der "gesunde Menschenverstand"?

Gesellschaftliche Aushandlungsprozesse
Diese Frage ist nicht nur von soziologischer Bedeutung, sondern sie ist tatsächlich eine urpolitische. Denn viele Gesetze sind nichts anders als Regeln des Zusammenlebens, und sie sind immer auch ein Ausdruck von gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen über Wert- und Sittlichkeitsvorstellungen der Menschen. Es ist die Politik, die diese Diskussionen aufgreift und daraus Gesetze erlässt.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-12-27 12:53:08
Letzte Änderung am 2018-01-05 12:53:31


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