• vom 05.01.2018, 11:59 Uhr

Kultur

Update: 05.01.2018, 12:53 Uhr

Kommunikation

"Da braucht’s doch nur gesunden Menschenverstand"




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Ein sehr anschauliches Beispiel dafür ist das Vorarlberger Sittenpolizeigesetz, in dem festgehalten ist, dass sich "jedermann" so zu verhalten habe, "dass der öffentliche Anstand nicht verletzt wird". Darunter fällt "jedes Verhalten in der Öffentlichkeit, das einen großen Verstoß gegen jene Pflichten der guten Sitten darstellt, die jedermann in der Öffentlichkeit zu beachten hat". Dass nicht genau definiert ist, was der Gesetzgeber unter "gute Sitten" versteht, ist dabei durchaus gewollt. Gesellschaftliche Veränderungen haben immer einen großen Einfluss auf die Judikatur, die sich im Laufe der Jahrzehnte den neuen Sichtweisen, wenn man so will, dem Zeitgeist, anpasst.

Das Pornographiegesetz in Österreich stammt zum Beispiel aus dem Jahr 1950 und ist seither weitgehend unverändert geblieben. Wann der Tatbestand der "Unzüchtigkeit" erfüllt ist, wie es im Gesetz formuliert ist, wird heute jedoch von Gerichten fundamental anders bewertet als damals, knapp nach dem Krieg, als sogar spezielle Kondome verboten waren. Wie der Anwalt Helmut Graupner in einer Publikation zur Genese des Gesetzes und der Rechtsprechung schreibt, stammt auch der euphemistische Begriff "Ehehygieneartikel" aus jener Zeit, als man für mittlerweile keineswegs mehr verbotenes Sexspielzeug noch das Pornographiegesetz kunstvoll umschiffen musste.

Gesetze stellen in gewisser Weise die letzte Stufe von gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen über Wertvorstellungen dar. Ein Gesetz, vor allem das Strafrecht, kann dabei nur den alleräußersten Rahmen festlegen. Es ist das schärfste Mittel, das der Staat zur Verfügung hat, um zu definieren, was legitim und was nicht legitim ist. Als Fibel für Umgangsformen taugt es aber nicht. Denn nicht alles, was verpönt ist, kann logischerweise strafrechtliche Konsequenzen haben. Auch das ist ein Grund, warum es so etwas wie den "gesunden Menschenverstand" braucht, ungeschriebene Gesetze also, die unser Handeln und unsere Kommunikation reglementieren.

Wo liegen die Grenzen
unseres Handelns?

Dass die Grenzen von Menschen unterschiedlich gezogen werden, ist natürlich keine Erscheinung der Neuzeit und einzig mit Individualismus zu erklären, auch wenn dieser sicher begünstigend wirkt. Auch zu Zeiten, als die Gesellschaft noch viel konformistischer war, als sie es heute ist, waren die Grenzen unscharf und wurden innerhalb spezifischer Gruppen auch unterschiedlich definiert. Und genauso gab es auch zu früherer Zeit immer wieder gesellschaftliche Kämpfe um diese Grenzziehungen.

Der Jugend kam dabei generationsübergreifend eine besondere Bedeutung zu, da häufig sie es war, die sich bewusst außerhalb des Rahmens, dieses vermeintlichen gesellschaftlichen Konsens, gestellt hat, um eben diesen zu erweitern. Darum haben sich vor Jahrzehnten Burschen lange Haare wachsen und junge Frauen ihre langen Haare kurz schneiden lassen. Beides war damals klar außerhalb des gesellschaftlichen Rahmens, intensive Kontroversen waren die Folge. Heute regt das fast niemanden mehr auf. Es ist normal geworden.

Diese Grenzverschiebungen können manchmal sehr konfliktbeladen sein und öffentliche Debatten auslösen, aber sie können auch schleichend passieren, ohne dass davon groß Notiz genommen wird. Exemplarisch dafür lässt sich der stete Vormarsch des "Du"-Wortes in der Kommunikation mit Unbekannten erwähnen. Fremde zu duzen ist nicht mehr grundsätzlich tabu. In der Gastronomie ist es mittlerweile nicht unüblich, dass Kellner ihre Gäste mit "Du" anreden, und zwar nicht nur auf der Skihütte. "Was darf ich Euch bringen?" Auch unter Bürokolleginnen und -kollegen wird das früher durchaus gängige "Sie" zunehmend seltener.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-12-27 12:53:08
Letzte Änderung am 2018-01-05 12:53:31


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