Vielleicht braucht es das Grau-in Grau dieses Tages mit dem Nieselregen, damit die Gestalt in der vollen Glorie ihrer Hässlichkeit ins Bewusstsein tritt: Der goldene Johann Strauß im Stadtpark ist ein Augenschließer der besonderen Art. Ursprünglich stand die Figur des Walzerkönigs schwarz vor dem weißen Bogen, auf dem Nymphen eine Pettingparty veranstalten. Aber erst, seit die Figur des geigenden Schani ergoldet ist, ist der Kitsch perfekt. Nur ein paar Meter weiter in der steinernen Laube liegt ein Schlafsack, ramponiert, dreckig. Manche Obdachlose halten Zimmer nicht mehr aus. Sie schlafen selbst bei Kälte noch im Freien. Keiner muss in Wien hungern - frieren steht auf einem anderen Blatt.

Hier, im Stadtpark, treffen die "Shades Tours Vienna" und der "Ugly Vienna"-Spaziergang aufeinander. Die "Shades Tours" zeigen die bitteren Seiten Wiens und schnüren den Hals zu, obwohl der Guide, selbst obdachlos, ohne Selbstmitleid zu den Plätzen führt, die für Obdachlose von Bedeutung sind. Die "Ugly Vienna"-Teilnehmer des erfahren hingegen auf höchst amüsante Weise die grotesken und absurden Seiten des Städtebaus. Die Tour ist in leicht verständlicher englischer Sprache, der Guide, der früher für die BBC gearbeitet hat, trägt die orangefarbene Hose der Müllabfuhr. Das passt, denn sein Thema ist der Mist - der Mist nämlich der Ästhetik. Die meisten Gebäude, die man als hässlich empfindet, sagt Eugene, der Guide, sind nicht hässlich, sondern langweilig; für wirkliche Hässlichkeit sei die Vorbedingung ein Streben nach Schönheit, das ein gegenteiliges Resultat ergibt.

Purzelbäume der Ästhetik

So kann man Städte lesen und begreifen. Gerade der ästhetische Absturz lehrt das Auge, im Zusammenspiel von Linien und Flächen das harmonische Zusammenspiel der Strukturen zu spüren. Man schaut neu auf Altbekanntes, lernt, die eigene Stadt auf neue Weise zu begreifen.

Mit den Plätzen der Obdachlosen ist das ein anderer und doch ähnlicher Fall. Zum Beispiel die Lauben im Stadtpark: Nimmt der Betrachter sie überhaupt wahr, oder sind sie nur ein Detail der Gesamtharmonie? Und wenn er sie wahrnimmt - verschiebt sich dann in seinem Auge ihre Wertigkeit, wenn er sie nicht nur als architektonische Raffinesse betrachtet, sondern weiß, dass sie, obwohl sie ursprünglich nicht dafür gedacht sind, Obdachlosen einen Hauch von Schutz, wenn schon nicht vor Wind und Wetter, dann wenigstens vor Regen gewähren?

Doch man kann auch soziale Komponente ausblenden und sich ganz auf die Ästhetik konzentrieren. Dann begreift man, weshalb Wien eine im weitestgehend schöne, im schlimmsten Fall langweilige Stadt ist. Und dann sind da die Momente der ästhetischen Purzelbäume. Zum Beispiel ist prinzipiell gar nichts gegen einen Dachausbau einzuwenden. Wenn dann aber, etwa bei dem Haus am Volkertmarkt, jemand auf die Idee kommt, den Dachausbau mit einem Gold sein wollenden klobigen Band aufzuhübschen, das weder die ursprüngliche Bausubstanz reflektiert noch den neuen Ausbau strukturiert, dann ist das genau solch ein Moment, in dem der Versuch, Schönheit zu schaffen, ins Gegenteil umschlägt.