• vom 29.01.2018, 19:19 Uhr

Kultur

Update: 29.01.2018, 21:19 Uhr

Europäische Kulturhauptstadt

Vom egalitären Charme des "platteland"




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Von Tobias Müller

  • Gemeinsam mit Valletta, der Hauptstadt von Malta, ist das niederländische Leeuwarden 2018 Kulturhauptstadt Europas.

Ganz Leeuwarden wird Bühne: ein ganzes Jahr lang Kultur auf hoher See und Wiese, am Acker und in der Stadt. - © KH- Leeuwarden

Ganz Leeuwarden wird Bühne: ein ganzes Jahr lang Kultur auf hoher See und Wiese, am Acker und in der Stadt. © KH- Leeuwarden



Eine bekannte Sängerin aus einem 600-Seelen-Dorf singt Fado auf dem größten Platz der Stadt. Auf Friesisch, wohlgemerkt. Der Platz ist trotz Wind und Regen gerammelt voll, genau wie der am Oldehove, dem tatsächlich ziemlich schiefen Turm von Leeuwarden. Oben steht ein junger MC mit chinesischen Wurzeln und rappt über Hering und das Wattenmeer. Reiter auf friesischen Pferden tänzeln übers nasse Kopfsteinpflaster zwischen beiden Orten, ein Glockenschlag ertönt von drei Türmen zugleich, und Europa hat eine neue Kulturhauptstadt.

In La Valetta, dem anderen Standort der seit 1985 organisierten Festival-Reihe, begann das Treiben vor einer Woche. Nun hat Leeuwarden nachgezogen, die Hauptstadt der Provinz Friesland weit oben im Norden der Niederlande, und für hiesige Verhältnisse ganz schön weit ab vom Schuss. 40.000 Menschen tummelten sich am Eröffnungsabend vergangenen Samstag entlang der Grachten im Zentrum, und während man sich bei den Organisatoren gelegentlich gefragt hatte, ob dieser Startschuss nicht viel besser in den Frühling passe, ließen sich die Festgäste vom unwirtlichen Wetter keinesfalls stören.


Innerstädtische Wasserläufe



Die Organisatoren haben sich einiges vorgenommen - nicht nur in Leeuwarden, sondern in der gesamten Provinz, die man, wie alle etwas entlegeneren Gebiete in diesem Land, im Ballungsraum Amsterdam-Rotterdam kaum richtig wahrnimmt. Denn ganz Friesland soll mitmachen: Ein Wind weht übers "platteland", wie die Peripherie auf Niederländisch heißt, nicht nur wegen des bekannten Eleven-Fountains-Projekts, zu dem elf internationale Künstler in den historischen "elf friesischen Städten" jeweils einen Brunnen gestaltet haben - die Region richtet auch zahlreiche Events aus. "Leeuwarden-Frieslân 2018" ist dann auch dessen offizieller Name: ein Festival als Roadtrip.



Just mit diesem Konzept konnte man einst die Jury überzeugen. Leeuwarden setzte sich gegen die größeren, bekannteren und budgetstärkeren Mitbewerberinnen Eindhoven und Maastricht durch. Was ein solches Veranstaltungsjahr in puncto City-, und regionalem Marketing mit sich bringt, steht außer Frage. In Leeuwarden aber meint man nicht nur deswegen, ihn zu spüren, den Aufbruch, den "Startschuss für eine schönere Zukunft", wie es im offiziellen Programm steht. Schön im pittoresken Sinn werden die Besucher Leeuwarden mit seinen innenstädtischen Wasserläufen und den alten Häusern sicherlich finden. Daneben zählt die Stadt allerdings auch zu den zehn ärmsten Kommunen der Niederlande, und es dürfte interessant sein zu sehen, was dieser ehrlich gemeinte Optimismus hier bewegen wird können.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-01-29 17:23:24
Letzte Änderung am 2018-01-29 21:19:50


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