(wt) "Wir Menschen sind unser Gedächtnis - und unser Gedächtnis sind wir." Zu diesem Schluss kommt der deutsche Hirnforscher Martin Korte in seinem bemerkenswerten Buch. Immanuel Kant hat Raum und Zeit als Grundkonstanten des Denkens bestimmt. Ohne sie können wir unser Dasein nicht denken. Sich im Raum zu orientieren, räumliche Bezüge herstellen zu können, ist eines der ersten Charakteristika unseres Gedächtnisses. Und auch die Fähigkeit, Dinge aus der Vergangenheit in die Gegenwart zu holen macht uns aus. Nur so können wir Zukunft planen.

Was wir an unserem Gedächtnis haben, merken wir Menschen erst, wenn es uns etwa durch Demenz im Stich lässt. Wir haben in unserer Evolution die Fertigkeit entwickelt, Ereignisse zeitlich zu markieren. Das gestattet uns, zwischen Aktion und Reaktion zu unterscheiden und kausale Bezüge herzustellen, was wiederum Rückschlüsse auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eröffnet. Unsere Erinnerungen sind nicht nur eine Akkumulation von Fakten und Schulwissen, nicht nur Datenpunkte auf unserer Lebenslinie oder Einzelheiten unserer Autobiografie. Sie sind viel mehr: nämlich der Stoff, aus dem unser Selbst gestrickt ist, in dem unsere Erlebnisse, Erfahrungen, Gewohnheiten und Gefühle integriert sind. Erst das Gedächtnis stattet uns mit einer Ich-Perspektive aus.

Es lässt uns dadurch zu kulturellen Wesen werden mit einer Identität in der Welt. Wir leben nicht, um zu glauben, sondern um zu lernen. Wir sind somit das Ergebnis von lernen und sich erinnern. Lesenswert.

SACHBUCH

Wir sind Gedächtnis -

Wie unsere Erinnerungen bestimmen, wer wir sind

Martin Korte

DVA 2017, 384 Seiten, 20,60 Euro