• vom 01.02.2018, 17:30 Uhr

Kultur

Update: 01.02.2018, 17:38 Uhr

MeToo

Der menschliche Makel




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Von Christoph Irrgeher

  • Die MeToo-Bewegung will männlichem Machtmissbrauch ein Ende setzen - sie treibt dabei aber auch gefährliche Blüten.



Coleman Silk ist ein Schuft. Der ergraute Professor für klassische Literatur hat zwei Studenten seines Seminars rassistisch beleidigt, was ihn den Posten gekostet hat. Doch damit nicht genug, begann Silk ein Verhältnis mit einer Reinigungskraft, nicht halb so alt wie er. Er unterdrückte sie, zwang sie zur Abtreibung. Am Ende starb er bei einem Autounfall. Vermutlich, weil er die Frau auf der Fahrt zu sexuellen Gefälligkeiten gezwungen hat.

Doch das alles ist erlogen. Coleman Silk ist das Opfer von Verleumdungen geworden. Seine Gegner auf dem Campus haben ihn beobachtet, Halbwahrheiten und Spekulationen aufgebauscht und den Mann schließlich zu Fall gebracht.


Der entfesselte Zeigefinger
Tatsächlich muss man nicht um Silk trauern: Es hat ihn nie gegeben. Er ist die Hauptfigur in dem Roman "Der menschliche Makel". Philip Roth hat damit dem Amerika der Lewinsky-Zeit den Spiegel vorgehalten, einer Ära der rabiaten Moralapostel.

An diese Ära kann man sich heute unangenehm erinnert fühlen. Sicher: Es ist zu begrüßen, dass die MeToo-Bewegung vertuschte Missbrauchsfälle ans Licht bringt. Die Nebenwirkungen sind aber bedenklich. Noch nie war das Ohr der Öffentlichkeit so empfänglich für Anschuldigungen gegenüber Stars. Das liegt nicht nur an der alten Lust am Skandal. Es hat auch mit einem Narrativ zu tun, das MeToo mit sich bringt. Wer einen Star als Triebtäter beschuldigt, läuft heute weniger Gefahr, als Rufmörder und Denunziant bezeichnet zu werden; viel eher wird er dafür als Held gefeiert.

Das hat in vielen Fällen Gründe. Wer sich als Missbrauchsopfer einer Berühmtheit outet, muss Hürden überwinden: vermeintlich wohlmeinende Beschwichtigungen, Einschüchterungen aus dem Umfeld des Stars, die eigene Scham. Sollten jene Ungeheuerlichkeiten stimmen, die dem Filmmogul Harvey Weinstein oder dem Fernsehregisseur Dieter Wedel in Deutschland zur Last gelegt werden, genossen die Täter nicht nur gottähnliche Macht. Dank ihrer Gefolgschaft konnten sie ihre Untaten mit einer Mauer des Schweigens umhüllen. Diese einzureißen ist ein Gebot der Menschlichkeit.

Das Tempo, mit dem derzeit aber nicht nur Mauern, sondern auch Ikonen stürzen, ist beängstigend. Dirigent Charles Dutoit etwa, 81, hat im Eiltempo seine Funktionen verloren. Sicher, auch gegen ihn liegen gravierende Anschuldigungen vor. Vier Frauen bezichtigen ihn der sexuellen Übergriffe, sie könnten recht haben. Der springende Punkt ist aber: Dutoit (der die Vorwürfe bestreitet) hat seine Posten verloren, noch bevor seine Schuld zweifelsfrei bewiesen wurde. Das weckt ein mulmiges Gefühl. Es scheint, dass mit dem Vorwurf heute auch schon das Urteil fixiert ist - jedenfalls, wenn der Verdacht aus mehreren glaubwürdigen Mündern kommt. Hebelt MeToo den Rechtsstaat aus? Ist hier ein jakobinischer Eifer am Werk, der auch Eitelkeiten und Rachegelüsten eine Bühne bietet?

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Schlagwörter

MeToo, Missbrauch

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-02-01 17:35:12
Letzte ─nderung am 2018-02-01 17:38:12



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