• vom 09.02.2018, 07:30 Uhr

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Wortgefahr




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Von Edwin Baumgartner

  • Wie viel der NS-Sprache hat im heutigen Alltag überlebt? - Geht es um Wörter oder um Sprachprinzipien?



Jedem das Seine: Das ist das Grundprinzip der Rechtsauffassung aller Jurisdiktionen, die sich auf das römische Recht beziehen. Die Römer haben das Prinzip "suum cuique" beim griechischen Philosophen Platon entlehnt. Es bedeutet, jeder habe den Anspruch auf Recht. Cicero schreibt in "De natura deorum" (Über das Wesen der Götter): "Iustitia suum cuique distribuit" (die Gerechtigkeit teilt jedem das Seine zu).

"Jedem das Seine" ist aber auch nationalsozialistisch kontaminiert. Der Spruch verhöhnte, als Beschriftung auf dem Tor des Konzentrationslagers Buchenwald angebracht, die Häftlinge. Das Unrechtssystem der Nationalsozialisten, die das Recht ihrer Ideologie unterwarfen, pervertierte den Satz in sein Gegenteil, denn den Häftlingen wurde gerade das rechtmäßig Ihrige, also die ihnen zustehende objektive Rechtssprechung, eben nicht zuerkannt.


Die Pervertierung des Satzes durch die Nationalsozialisten überdeckt im heutigen Sprachgebrauch seine ursprüngliche Bedeutung. Deshalb gilt "Jedem das Seine" heute als NS-Vokabular. Die Rechtssprechung freilich richtet sich auch in unserer Gegenwart nach dem "Suum cuique"-Prinzip. Nur den Satz, der die Grundlage dazu bildet - den darf man nicht aussprechen, denn die Tilgung des NS-Vokabulars aus dem Sprachgebrauch soll das Denken in NS-Bahnen unterbinden.

Sprache und Denken



Aber ist der damit verbundene Ansatz, dass die Sprache das Denken formt und nicht das Denken die Sprache, überhaupt korrekt? Das würde nämlich bedeuten, dass sich mit der Verwendung des politisch korrekten Wortes das politisch korrekte Denken einstellt. Machen wir ein Gedankenexperiment: Stellen wir uns vor, ein Rassist würde sich dazu überreden lassen, statt des inkriminierten Wortes "Neger" das Wort "Schwarzer" zu verwenden: Das Vokabular wäre dann zwar politisch korrekt, dass sich aber das Denken des Rassisten geändert hat, darf bezweifelt werden.

Umgekehrt ist auch die Gleichsetzung von Vokabular und Denkweise unzulässig, zumal dann, wenn es der politische oder ideologische Gegner ist, der den Zusammenhang her- und einzelnen Wörtern einen Sinn unterstellt, der keineswegs intendiert war.

Sprache ist steter Fluss, und wie ein Fluss reagiert sie: Künstliche Regulierungen bringen für das Ökosystem, auch das der Sprache, meist Nachteile. Die Veränderung der Sprache ergibt sich durch das Sprechen selbst und durch sprachbildende literarische Werke, etwa Martin Luthers Übersetzung der Bibel, nicht durch Verordnungen.

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Dokument erstellt am 2018-02-08 17:20:20



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