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Kultur

Update: 27.02.2018, 12:59 Uhr

Sachbuch

"So viele Kriege und so wenige Sieger"




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Von Oliver vom Hove

  • Ungleichzeitige Zeitgeschichte: Navid Kermanis Reise durch den Osten Europas.

Autor Navid Kermani vermittelt zwischen den Zeitläufen des Ostens und Europas.

Autor Navid Kermani vermittelt zwischen den Zeitläufen des Ostens und Europas.© afp/Daniel Roland Autor Navid Kermani vermittelt zwischen den Zeitläufen des Ostens und Europas.© afp/Daniel Roland

Wenn Navid Kermani eine Reise tut, kann er was erzählen: diesmal vom Osten Europas und seinem Hinterland, und schließlich weiter bis nach Vorderasien. Unterwegs sammelt er Eindrücke, Einsichten, Gesprächspartner. Vor allem sammelt er Geschichten. Die schier unglaublichste lässt er sich in einem Dorf nahe Minsk von Oma Frida erzählen, einer Verwandten des Fotografen, der ihn in Weißrussland begleitet. Die nunmehr 97-jährige Frau, die 1941 in Kursk in deutsche Gefangenschaft geraten war, hatte im Lager unter viel Mühsal ihre jüdische Abkunft verbergen können. Als ein russischer Fliegerangriff drohte, ließ ein Offizier die Frauen in einer Halle antreten und schickte die Wachen hinaus. Es sei ein gutaussehender Mann gewesen, erinnert sich Oma Frida noch im hohen Alter: "Er sei Österreicher und Antifaschist, sagte er in gebrochenem Russisch. Österreich sei selbst ans Reich angeschlossen worden, deshalb lasse er wenigstens die Frauen jetzt frei. Sie sollten sofort zum Tor gehen, das stehe offen, und die Beine unter die Arme nehmen. Dann nannte er die Dörfer, die unter sowjetischer Herrschaft standen, und zeigte mit dem Finger in die Richtung. Dort sollten sich die Frauen trennen, um nicht als Gruppe zu marschieren." Die Angaben des Offiziers stellten sich als goldrichtig heraus, die Flucht der Frauen gelang. ",Ein Österreicher hat mir das Leben gerettet‘, wundert sich Oma Frida noch ein dreiviertel Jahrhundert danach. ‚Er war auch wirklich ein schöner Mann.‘"

Zeugen der Kriegsgeschichte
Immer noch findet man östlich von Deutschland Zeugen der verheerenden Kriegsgeschichte von vor einem dreiviertel Jahrhundert. Aber Navid Kermani will weiter. Ihn treibt die Neugierde, wie es im heutigen Osteuropa aussieht. Von Polen über Litauen, Weißrussland und die Ukraine führen ihn die ersten Etappen der Reise dicht an die russische Grenze. Dort, im Donbass, findet er sich in Hörweite eines Schusswechsels zwischen ukrainischen Soldaten und prorussischen Separatisten wieder. Dort wird wieder gestorben: "Mehr als zehntausend Menschen real."

Ein alter Wachtturm mahnt, dass der Kaukasus seit jeher ein Gebiet des Misstrauens und des Kampfes war. Navid Kermani zeichnet diese Verwerfungslinien bis in die Gegenwart nach.

Ein alter Wachtturm mahnt, dass der Kaukasus seit jeher ein Gebiet des Misstrauens und des Kampfes war. Navid Kermani zeichnet diese Verwerfungslinien bis in die Gegenwart nach.© k_samurkas/fotolia Ein alter Wachtturm mahnt, dass der Kaukasus seit jeher ein Gebiet des Misstrauens und des Kampfes war. Navid Kermani zeichnet diese Verwerfungslinien bis in die Gegenwart nach.© k_samurkas/fotolia

Die ersten Reportagen des habilitierten Orientalisten Kermani berichteten von den Konflikten im Nahen Osten. Der 1967 in Siegen als Sohn iranischer Einwanderer geborene Autor ist heute einer der einflussreichsten deutschen Intellektuellen. 2016 begleitete er als Reporter ein Stück weit den Flüchtlingstreck nach Europa. Von jeher setzt er sich als Mittler zwischen der christlichen und seiner angestammten islamischen Kultur ein. Sein neues Buch entdeckt für viele Westeuropäer eine Terra incognita. "Entlang den Gräben", das heißt: entlang den Bruchlinien im Osten Europas und darüber hinaus.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-02-26 16:50:36
Letzte Änderung am 2018-02-27 12:59:38


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