Beate ruft an: "Kannst du mir die Runen werfen?" Sie will ins Kino gehen, ist aber nicht sicher, was ihre "Spirits" dazu meinen. Ihre Freundin Agnes hält bei einem nachmittäglichen Kaffeeplausch plötzlich inne und meint, ein Engel ginge durchs Zimmer, man würde es am Rosenduft merken. Horst fährt im Sommer nach Norwegen, um auf der Hardangervidda, der gletscherumsäumten Hochebene, Engelnamen zu chanten, also gesangsähnlich anzurufen. Christian, der Atheist, der am liebsten alle Religion staatlich verbieten und Kirchen, Moscheen und Gebetsräume in Unterkünfte für Obdachlose und Flüchtlinge verwandeln würde, hat eine Feng-Shui-Kristallkugel in die Mitte seines Wohnzimmers gehängt: Sie soll all die Strahlen von Fernseher, Handy und PC, die andernfalls im Zimmer wie ein Netz des Übels aufgespannt wären, auf sich ziehen, damit Christian mit diesen schädlichen Energien nicht in Berührung kommt.

Weder Beate noch Agnes noch Horst sind Spinner, und Christian ist auch keiner. Sie arbeiten in einem Ministerium, als AHS-Lehrer, als Werbetexter. Die esoterischen Praktiken sind in ihrem Freizeit-Alltag präsent. Am Anfang des Abgleitens in die Welt von Tarot, Runen und Globuli stand nur in einem Fall die gezielte geistige Auseinandersetzung mit der Frage, ob es mehr gäbe als die sichtbare und messbare Welt. In den drei anderen war es zuerst nur ein Spiel mit alternativen Möglichkeiten der Lebensführung: Wenn man das zukünftige Schicksal erkunden kann, kann man es dann auch manipulieren? Bei Horst war der Einstieg, man glaubt es kaum, und doch war es so, ein Liebeszauber, den ein Bekannter ihm vorschlug. Nachdem die Beziehung tatsächlich zustande kam, was aber (zumindest sei es gehofft) nicht an irgendwelchen Sprüchen und verbrannten Papierschnipseln lag, war Horst offen für Magie. Ob er auch Bannkreise auf dem Boden zieht? - Ja, gewiss, manchmal ist das notwendig...

Die Esoterik schleicht sich über Kleinigkeiten, die einem oft nicht bewusst sind, in den Alltag. Überspitzt gesagt: Am Anfang steht ein Zeitungshoroskop, zu dem der Leser beifällig nickt, und am Schluss ein Energetiker, der einen "energetischen Schutzring" um ein Krankenhaus legt. Den Unterschied macht im Prinzip nur das Geld: Das Zeitungshoroskop ist im Preis für das Blatt inbegriffen, der Energetiker bekommt für seine Arbeit 95.000 Euro. Doch von der Leistung her gleicht das eine dem anderen: Wer glaubt, dass in Konjunktion und Aszendent das Schicksal eingeschrieben ist, der sollte auch einen energetischen Schutzring um ein Krankenhaus für eine notwendige Investition halten.