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Kultur

Update: 31.03.2018, 07:56 Uhr

Ostern

"Jesus war kein Peace-Dalai-Lama"




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Von Christina Böck

  • Werden viele Facetten von Christus vernachlässigt? Theologe Martin Dreyer will mehr vom "irdischen Jesus" hören.



Man muss schon genauer hinsehen, um dieses Jesus-Graffiti auf einem Fassadensockel in Valletta, Malta auch zu entdecken.

Man muss schon genauer hinsehen, um dieses Jesus-Graffiti auf einem Fassadensockel in Valletta, Malta auch zu entdecken.© Gerald Haenel/laif /picturedesk Man muss schon genauer hinsehen, um dieses Jesus-Graffiti auf einem Fassadensockel in Valletta, Malta auch zu entdecken.© Gerald Haenel/laif /picturedesk

In früheren Jahrhunderten gab es die Tradition des Osterlachens. In der Liturgie des Ostergottesdiensts war es vorgesehen, dass der Pfarrer die Messbesucher zum Lachen bringt. Damit sollte die Freude über die Auferstehung Jesu zum Ausdruck gebracht werden. Die wenigsten Gläubigen haben heute von dieser Tradition jemals gehört. "Zu viele Moll-Akkorde" hört denn auch der Theologe Martin Dreyer im heutigen Christentum. In seinem Buch "Der vergessene Jesus" widmet er sich Facetten des Christus-Bildes, die die Bibel zwar beschreibt, die Dreyer aber für vernachlässigt hält. Neben dem fröhlichen, lebensbejahenden Jesus ist das etwa auch ein provokanter, politisch inkorrekter Jesus, ein prophetischer Jesus oder ein geld- beziehungsweise materialismuskritischer Jesus. Ein Gespräch über Party-Retter Jesus, feministisches Potenzial im Neuen Testament und Presslufthammer im Petersdom.

"Wiener Zeitung": Welche der "vergessenen" Jesus-Facetten vermissen Sie in der öffentlichen Wahrnehmung am meisten?

Information

Martin Dreyer 53, ist freikirchlicher Theologe, Diplompädagoge und
Schriftsteller. 1992 gründete er den christlichen Jugendverein "Jesus
Freaks", der Elemente der Jugendkultur aufgreift. So werden etwa
Abendmahlsliturgien gerappt oder Lobpreislieder im Stil von Thrash Metal
gesungen. 2005 initiierte er das Projekt der "Volxbibel", eine nicht
ganz unumstrittene Bibel-Übersetzung in leicht verständlicher Sprache.
Er lebt und arbeitet in Berlin. "Der vergessene Jesus" ist im
Gütersloher Verlagshaus erschienen.

Martin Dreyer: Am allermeisten vermisse ich das lebensbejahende Bild von Jesus, das auch in der Bibel so beschrieben ist. Ich komme in schöne alte Kirchen, die ich sehr liebe, aber ich sehe vorne einen gekreuzigten Jesus, der leidet und blutet. Wir haben vergessen, dass Jesus auch Mensch war. Beides wird in der Bibel beschrieben: Er war ganz Gott und er war ganz Mensch. Und als Mensch hat er gefeiert, ich glaube, er hatte einen tollen Humor. Er hatte nichts gegen Feiern, beim ersten Wunder, das Johannes berichtet, rettet er eine Party mit Alkohol! Dieses fröhliche, positive Jesus-Bild kommt in der heutigen Christenheit viel zu kurz.

Martin Dreyer

Martin Dreyer© Privat Martin Dreyer© Privat

Sie beschreiben Jesus auch als "Freak". Wie ist das zu verstehen?

Ich persönlich finde, dass wir alle etwas Freakiges in uns haben, es sehnt sich doch jeder, etwas Besonderes zu sein, etwas bewegen zu können, gegen den Strom zu schwimmen. Eigentlich ist jeder, der an diesen Gott glaubt, einer, der gegen den Strom der Gesellschaft schwimmt, schon ein Freak.

Das Jesus-Bild spielt in der Kunst ja heute keine große Rolle mehr . . .

Von der Kirche ist ursprünglich viel Künstlerisches ausgegangen, Bach, Händel, viele Musiker, viele bildende Künstler haben aus tiefem Glauben Kunst kreiert. Die Kirche war da mal ganz vorne, aber das hat sich gewendet. Heute wird die schönste und interessanteste Kunst meist von Menschen geschaffen, die mit Glauben so gar nichts am Hut haben. Die Kirche hinkt da bisschen hinterher. Das spiegelt auch ein Selbstverständnis, dass man als Gläubiger haben könnte: Dass man nicht hinterherhinkt, sondern dass man mutig voranschreitet und auch im Künstlerischen Dinge ausprobiert und in der Freiheit des Christentums Mauern überspringt. Der Glaube hat so eine Quelle von Mutigsein und neu Ausprobieren, aber das ist irgendwie verschüttet.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-30 15:57:03
Letzte ─nderung am 2018-03-31 07:56:50



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