• vom 06.04.2018, 07:30 Uhr

Kultur


Toleranz

Ja zur Toleranz - aber nur für Freunde




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Von Christoph Irrgeher

  • Ein fragwürdiger Slogan kehrt in die Welt zurück: Die "Zero Tolerance Policy" soll der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen.


© Illustration: CSA-Archive/Getty © Illustration: CSA-Archive/Getty

Rudolph Giuliani, Altbürgermeister der Stadt New York, ist vor allem für zwei Dinge bekannt. Zum einen seine Baseball-Leidenschaft. Kurzauftritte in Filmen haben es bewiesen: Der Mann mit der New-York-Yankees-Kappe konnte einfach nur Mensch, nur "Rudy" sein. Politisch war er umstritten. Der Republikaner weihte seine Amtszeit (1994 bis 2001) der berüchtigten "Zero Tolerance Policy". Die drückte kein Auge für die kleinen Verfehlungen des Bürgers zu, spähte argwöhnisch in die Welt und schlug schnellstmöglich mit aller Polizeimacht zu. Diese Entschlossenheit hat Giuliani Wählergunst gebracht, aber auch Proteststürme: Er würde das Kind mit dem Bad ausleeren und einen Polizeistaat im Kampf gegen das Verbrechen errichten.

Entlassungsgrund: Zote
Erstaunlich, aber: Die Mentalität dieser "Nulltoleranz" feiert heute ein Comeback. Erneut steht das Versprechen einer harten, aber heilsamen Kur im Raum. Toleranz, so der Unterton, mag eine hübsche Sache sein - aber nur im Umgang mit ausgewählten Menschen. Die übrigen würden das Gemeinwohl gefährden, vergiften - und seien mit aller Härte zu behandeln.


Diese Wiederkehr findet nicht auf irgendeiner Polizeistube statt - sondern mitten in der Gesellschaft. Ein Antrieb dafür ist die MeToo-Bewegung: Im Bemühen, möglichst alle Skandalsümpfe trockenzulegen, setzt die Showbranche zunehmend auf Rigidität. Das führte in Australien zu einer seltsamen Anekdote. Ende Februar fand dort die Premiere von "American Idiot" statt, einem Musical mit Musik der Punk-Rock-Band Green Day. Am Vorabend des Debüts verlor Hauptdarsteller Linden Furnell seinen Job - wegen "unangemessenen Verhaltens". Hat er sich Rockstar-Allüren geleistet? Mitnichten. Furnell soll einer Kollegin einen zotigen Scherz zugeraunt haben. Der Wortlaut ist nicht verbrieft, aber es hatte angeblich etwas mit der Menstruation zu tun.

Wie geschmackvoll das ist, sei dahingestellt. Aber taugt’s zur Kündigung? "Wir haben unsere Politik, sie wurde klar kommuniziert", rechtfertigte sich die Produktionsfirma danach. Sie verfolge eine klare "Zero Tolerance Policy".

Furnell steht mit seinem Fall nicht allein da. Die Angst vor Negativ-Publicity, aber auch die Mediengier nach Skandalen und der Eifer, einen weiteren Gesinnungsgenossen Harvey Weinsteins zur Strecke zu bringen, fügen der MeToo-Bewegung Kollateralschäden zu. Klar: Wer hier zu Recht oder Unrecht am Pranger steht, lässt sich aus der Ferne nicht beurteilen. Es mutet aber doch grausam an, für welche vermeintlichen Vergehen da Köpfe rollen. Auch aus dem Journalismus gibt es Fälle. Stephen Henderson etwa, ein Pulitzer-Preis-Gewinner aus Detroit. Nach seiner Darstellung hat er vor langer Zeit zwei Kolleginnen Avancen gemacht und wurde von ihnen abgewiesen. Henderson hat sich entschuldigt - wurde jetzt aber dafür gefeuert.

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Schlagwörter

Toleranz, MeToo, Gesellschaft

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-05 17:42:02
Letzte Änderung am 2018-04-05 17:45:02


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