• vom 11.04.2018, 16:34 Uhr

Kultur

Update: 11.04.2018, 16:45 Uhr

Das Konservative Manifest. Zehn Gebote der neuen Bürgerlichkeit

Ein konservatives Manifest




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Von Christian Ortner

  • Der deutsche Publizist Wolfram Weimer hält Konservative für die wahre Avantgarde.

Mal schnell anrufen? - Autor Wolfram Weimer vergleicht das linke Denken mit einer Telefonzelle in Handy-Zeiten.

Mal schnell anrufen? - Autor Wolfram Weimer vergleicht das linke Denken mit einer Telefonzelle in Handy-Zeiten.© ismotionprem/fotolia Mal schnell anrufen? - Autor Wolfram Weimer vergleicht das linke Denken mit einer Telefonzelle in Handy-Zeiten.© ismotionprem/fotolia

Jemanden einen "Konservativen" zu heißen, das ist seit Jahrzehnten nahe an der Grenze zur Beleidigung: Konservative, das sind in der öffentlichen Wahrnehmung ältere weiße Männer mit miefigen Ansichten, verstaubten Gewohnheiten und oft auch noch christlichen Überzeugungen. Also ungefähr das, was die 1968er-Generation so resolut bekämpft hat, nicht ohne Erfolg.

Doch jetzt wendet sich die Stimmung langsam wieder. Während die 1968er in Pension gehen und immer stärker entmystifiziert werden, erlebt das Bürgerliche, gar Konservative das erstaunlichste Comeback seit Lazarus. Selbst der Grüne Alexander Van der Bellen warf sich 2017 gelegentlich in eine derartige Pose, um die Präsidentschaftswahlen zu gewinnen. Es ist ein Trend, der den ganzen deutschen Sprachraum erfasst hat und zu dem nun der bekannte deutsche Publizist Wolfram Weimer das passende Brevet geschrieben hat: "Das konservative Manifest", ein schlankes Büchlein in zehn Kapiteln, das intelligent, sprachgewandt und ohne ideologische Leitplanken erläutert, was die Essenz des zeitgenössischen Konservativismus ausmacht.

Information

Sachbuch

Das Konservative Manifest. Zehn Gebote der neuen Bürgerlichkeit

Wolfram Weimer

Verlag Plassen 2018, 104 Seiten

9,99 Euro

Quoten und Bildungspakete

Sein Befund ist vorerst düster: "Es dämmert eine Tugendrepublik herauf, in der Hohepriester des Gutmenschentums uns mit ihren Geboten umstellen: Du sollst kein Fleisch essen und kein Kaminfeuer anzünden, du sollst nicht Glücksspielen, du sollst nicht nach Leistung beschäftigen, sondern nach Geschlecht und Herkunft. Mit Quoten und Verboten kommen sie daher, die Verbraucher- und Familienschützer, die Gleichstellungsbeauftragten und Integrationsberater. Sie tragen Menschen teure Bildungspakete hinterher, die gar keine haben wollen, denn sie wissen alles besser. Sie sind Profiteure des Freiheitsentzugs, jene Armutsbekämpfer, Präventionsräte und Klimaretter, Lobbyisten der Gewissheitsindustrie, die ihr Geschäft mit der Besserwisserei so verfolgen, dass sie ihre Nachfrage mit Problemstudien immer selbst erzeugen. Ihre Absicht, das Land in eine gigantische Besserungsanstalt zu verwandeln, folgt einer ganz eigenen Logik, denn dann haben sie als Besserungs-Pädagogen ihr Auskommen." Dem setzt Weimer ein Weltbild entgegen, dem die Balance zwischen Moderne und Tradition gelingen will: "Der Konservative tritt nicht aus der Geschichte aus, sie tritt vielmehr in ihn ein. Ihm ist die Notwendigkeit zum Fortschritt völlig klar, aber ebenso klar ist ihm die Notwendigkeit der Tradition."

Der polnische Philosoph Leszek Kolakowski formulierte diese doppelte Einsicht einst in einem klugen Aphorismus: "Erstens: Hätten nicht neue Generationen unaufhörlich gegen die ererbte Tradition aufbegehrt, würden wir heute noch in Höhlen leben. Und zweitens: Würde das Aufbegehren gegen die ererbte Tradition einmal universell, würden wir uns bald wieder in den Höhlen befinden."

Dorthin, so Weimers Diagnose, hätten uns die 1968er fast gebracht, "weil die linke Gedankenwelt ausgebrannt und versteinert wirkt. Gefühlt gestrig wie Telefonzellen in einer digitalen Mobilfunkzeit... Während das Linkssein einst mal helfend-warm-mitfühlend war, wirkt es zusehends nur mehr soziologisch, kratzig oder kasernenhaft." Es ist ein nicht immer ganz einfacher intellektueller Hochseilakt, den der Publizist da bisweilen unternimmt, hart an der Grenze zwischen dem Trivialen und dem durch und durch Vernünftigen: "Echtes Konservativsein ist nicht gestrig, weil es ja gerade nicht ein Hängen an dem bedeutet, was gestern war, sondern ein Leben aus dem, was immer gilt. Dass es Werte gibt, die Zeiten und Moden überdauern, dass es Dinge im Leben gibt oder geben sollte, die heilig sind, dass es ganz lange Linien unserer Identität gibt, die wichtig sind - all das fasziniert die Menschen des 21. Jahrhunderts mehr als irgendwelche Umverteilungsfragen."

Absage an Rechtspopulisten

Wenig Freude mit dem Manifest der konservativen Konterrevolution werden all jene Rechtspopulisten haben, die sich davon eine Bestätigung ihrer tumben Ansichten erwarten. Für sie hat Weimer nur Verachtung übrig: "Die neue Rechte in Europa bedient ... häufig Ressentiments, Autoritarismus oder Nationalismus. Das ist dem Wertkonservativen zuwider. Er achtet Toleranz, die Menschenwürde, ist Europäer und womöglich Patriot. Im Gegensatz zum Nationalisten liebt der Patriot seine Heimat zwar, verachtet aber die Heimaten der anderen nicht. Man sollte daher den Wertkonservativismus nicht ruppigen Rechten überlassen." Als österreichischer Leser bedauert man, dass dergleichen kluger Konservativismus hierzulande noch rarer ist als in der Berliner Republik.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-11 16:39:08
Letzte Änderung am 2018-04-11 16:45:03


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