• vom 18.04.2018, 16:15 Uhr

Kultur

Update: 18.04.2018, 17:28 Uhr

Ausstellung

Dauerwelle und Hitlerbart




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Von Christina Böck

  • Das Wien Museum untersucht in der Schau "Mit Haut und Haar" die Kulturtechnik Körperpflege.

Ein Fön wäre handlicher: Haartrockner um 1935.

Ein Fön wäre handlicher: Haartrockner um 1935.© Wien Museum Ein Fön wäre handlicher: Haartrockner um 1935.© Wien Museum

Schon beim Eingang kann man überprüfen, ob die Frisur eh sitzt. Und zwar immerhin im dreiteiligen Spiegel eines Toilettetischs von Oswald Haerdtl aus den 1950er Jahren. Nur passend, stammt doch das ganze Wien Museum, in dem die Schau "Mit Haut und Haar" gezeigt wird, von Haerdtl. Noch einige andere Spiegel - vom üppigen Bugholz (1885) über die schmucklose Kommode mit schwenkbarem Spiegel (1910) bis zum Space-Age-Kugelspiegel in 70er-Jahre-Orange - finden sich im Eingangsbereich. Mit ihnen will Kuratorin Susanne Breuss auf etwas aufmerksam machen: Wie sehr wir unseren Körper gestalten, ohne darüber nachzudenken.

Bade zuhause!

Information

Ausstellung
Mit Haut und Haar
Wien Museum, bis 6. Jänner 2019

Dass da natürlich auch die über die Jahrhunderte eingezogene Bequemlichkeit im Sanitärbereich eine Rolle spielt, wird bei einigen Exponaten klar. Der Wasserkrug mit Steinschale aus dem Besitz von Lina Loos mag heute dekorativen Charakter haben, war aber bei seiner Besitzerin mit durchaus bemerkbarer Arbeit verbunden - das vergisst man bei Wasser aus der Leitung gern. Ein Werbeplakat des "Esterhazy-Bades" bietet Wannenbäder (Marmorwannen, eins 80 Kronen) und Dampfbäder (vier Klassen) an. Eine Werbepostkarte von 1899 deutet mit dem Aufdruck "Bade zuhause!" schon in die Zukunft: Eine fröhlich-ondulierte Frau sitzt in einer wippenden Badewanne. Daneben ist das Bild eines Mannes im Privatdampfbad - nur sein Kopf schaut tapfer aus einer Art Tank - nicht sehr einladend.

Der meiste Raum der Schau - sie wird von Fadenvorhängen, die wie Ponyfrisuren aussehen, strukturiert - wird aber den Haaren gewidmet, ob sie nun im Gesicht wachsen oder auf dem Kopf. Ausgenommen wurden Haare in südlicheren Regionen, aber dafür gab es ja erst kürzlich die "Sex in Wien"-Ausstellung.

Ein ganzes Arsenal an Rasiermessern von Franz Grillparzer ist aufgefächert unter einer knalligen Reklame für "Pitralon". Dass die Stoppel noch weit früher weg mussten, zeigt ein bronzenes Rasiermesser, zugegeben nicht mehr sehr scharf - es ist ein archäologischer Fund vom Leopoldsberg, von 1300 bis 800 v. Chr. Ab dem späten 19. Jahrhundert ging man zur Selbstrasur über, die Barbiere wurden weniger. Das ändert sich gerade, erlebt doch der Vollbart ein beachtliches Comeback.

Beeindruckend ist die originale Nische aus dem Frisiersalon Marko in der Habsburgergasse. Der Tisch verfügt über kleine Lädchen, in denen die persönlichen Rasierutensilien der hohen Kunden verstaut wurden - etwa von Erzherzog Hubert. Der Friseur selbst, Marko Radojcic, schaffte es in Karl Kraus’ "Letzte Tage der Menschheit", als Opfer eines Mobs, der sich gegen den "serbischen Gurglabschneider" stellte.

Brennscheren-Grusel

Früher hatten Frisiersalons übrigens als Geschäftszeichen ein rundes Messingbecken, das sich aus der Zeit der Bader erklärt. Damals liefen Gehilfen, wenn das Badewasser bereit war, mit Tschinellen durch die Straßen, um darauf aufmerksam zu machen. Manche Lockenwickler und eine historische Palette an Brennscheren muten heute wie Folterinstrumente an, ganz zu schweigen von den Dauerwellenapparaten der 30er Jahre, die mit ihren Kabeln und Steckern Angst vor einer irrtümlichen Lobotomie machen. Dafür konnte man damals noch Magazine kaufen, die als Titelgeschichte "Die Dauerwelle im Sport" bewarben.

Überproportional viel Platz wird dem Bart von Adolf Hitler gewidmet - gut, er ist wohl der einzige Bart, den man ohne Gesichtszüge zuordnen kann. Mehr Freude macht die Gegenüberstellung von Kosmetiksalon-Fotos von Robert Haas aus den 30er Jahren und Nagelstudio-Fotos von Klaus Pichler aus 2017/18: Die bunt umrankten Fingernägel, die rote Glitzerkrallen betreuen, sind die perfekte Weiterführung der eingeklopften Gesichtsmaske von fast 100 Jahren zuvor.

Konfliktpotenziale werden weitgehend ausgespart, religiöse Implikationen vom Umgang mit (Frauen-)Haar werden etwa nur kurz am Beispiel der jüdischen Scheitel erwähnt. Trotzdem ist die Ausstellung sicher nicht an den Haaren herbeigezogen - lehrreiche Unterhaltung bietet sie allemal.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-18 16:21:31
Letzte Änderung am 2018-04-18 17:28:04


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