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Kultur

Update: 03.07.2018, 18:48 Uhr

Walfang

Schlachthof Meer




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Von Edwin Baumgartner

  • Der Walfang hat wieder Saison - die Nachfrage nach Walfleisch sinkt rapide.

Das Walfangdenkmal in Sandefjord steht für das Selbstverständnis des norwegischen Walfängers. - © Getty Images/Gerard Sioen

Das Walfangdenkmal in Sandefjord steht für das Selbstverständnis des norwegischen Walfängers. © Getty Images/Gerard Sioen

Wenn Sie das lesen, sind die ersten Wale bereits tot. Der Walfang hat wieder Saison in Norwegen, Japan und, ab Juni, Island. Seit 1986 ist die kommerzielle Jagd auf Großwale zwar durch ein Moratorium der Internationalen Walfangkommission (IWC) verboten. Norwegen und Island jagen ja die Meeressäuger auch nicht aus kommerziellen Gründen, sondern aus wissenschaftlichen. Das ist zumindest der Vorwand. Man könnte es auf gut Wienerisch auch Bstemm nennen: Man geht justament auf Walfang, weil alle anderen dagegen sind, man trotzt allen umweltschützerischen und moralischen Argumenten, weil man es kann und weil es keine Sanktionen gibt.

Norwegen hat dabei die zweifelhafte Ehre der führenden Walfang-Nation: Laut den Umweltschutzorganisationen OceanCare, Pro Wildlife und dem Animal Welfare Institute haben norwegische Walfangschiffe in den Jahren 2014 und 2015 mehr Wale getötet als Island und Japan zusammen. In den zehn Jahren von 2005 bis 2015 wurden 5617 Wale in norwegischen Gewässern erlegt. Die Fangquote legt die norwegische Regierung vor jeder Saison selbst fest. Dabei geht sie angeblich von den Berechnungsgrundlagen der IWC aus. Das freilich bezweifeln Umweltschützer. Nicolas Entrup von der Organisation OceanCare etwa sagt: "Norwegen schraubt eigenmächtig an den seitens der IWC festgelegten Variablen, sodass anstelle von 300 Zwergwalen im Nordostatlantik plötzlich 1278 Wale als nachhaltige Fangquote gelten sollen."


Mann oder Wal
Wie Norwegen zum Walfang steht, zeigt ein Denkmal in Sandefjord. Der norwegische Bildhauer Knut Steen verewigt eine Szene der Jagd: Der Wal hebt das Fangboot aus dem Meer, der Harpunier steht hoch aufgerichtet in männlicher Kraft wie ein Held der nordischen Sagenwelt, die Spitze der Harpune ist der höchste Punkt der Skulptur, der rotierende Springbrunnen, der sie sie umgibt, symbolisiert die Gischt des Kampfes. Nur einer kann ihn gewinnen: Mann oder Wal.

Das Denkmal ist in seiner Dramatik großartig, zugleich ist es an Zynismus unüberbietbar. Denn es heroisiert den Kampf mit dem Wal, wie er seit einer halben Ewigkeit nicht mehr stattfindet. Heute erledigen die Harpunenkanonen auf den Fangschiffen und die Sprengköpfe auf den Harpunen das Geschäft. Der Walfänger fährt heute gefahrlos auf einem Schiff, das einer schwimmenden Fleischfabrik gleicht. Der moderne Walfang hat nichts mehr vom Kampf des Menschen mit dem gottähnlichen Giganten, den Herman Melville in "Moby Dick" in mythische Sphären emporschreibt: Der Walfang heute stinkt nach der blutigen Banalität des Schlachthofs.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-02 17:21:40
Letzte Änderung am 2018-07-03 18:48:31


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