• vom 02.06.2018, 07:30 Uhr

Kultur

Update: 18.06.2018, 17:07 Uhr

Satire

1968 - Generation Revolution in Pension




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Von Severin Groebner

  • "Ho Ho Ho" endete vor 50 Jahren mit "Hotschimin". Heute lacht so der Weihnachtsmann.
  • Und der ist bei Coca-Cola angestellt. Es hat sich was geändert.

Zopf hoch, langhaarige Freunde der 68er - der Beistand der zynischen Nachfolgegeneration ist gesichert. - © Everett Collection/picturedesk.com

Zopf hoch, langhaarige Freunde der 68er - der Beistand der zynischen Nachfolgegeneration ist gesichert. © Everett Collection/picturedesk.com

Bis zu diesem Gedenkjahr waren die 68er für den Autor vor allem ältere Herrschaften, die gern alles besser gewusst haben. Nun, das tun ältere Menschen eigentlich immer, könnte man einwenden.

Nur diese speziellen Damen und - vor allem - Herren wussten vor allem besser, was die Jungen hätten eigentlich gerade tun sollen. Sie kannten sich nämlich aus. Schließlich waren sie schon seit Jahrzehnten jung. Sie waren schon seit 300 Jahren rebellisch. Und seit mindestens der Steinzeit sexuell sehr, sehr aktiv. Sie wussten einfach alles. Deshalb waren sie die besseren Jungen. Sie waren revolutionärer, subversiver, aufmüpfiger und kannten sich auch besser bei der aktuellen Musik aus als die Jungen. Auch wenn diese Musik schon so lang aktuell war wie sie selbst jung. Also schon einige Zeit.


Aber sie war die einzig richtige Musik. Da waren sich die 68er sicher. Schließlich kannten sie die Wahrheit. Über alles. Dahingehend waren die Gespräche mit den 68ern immer ein wenig einseitig. Genau genommen waren es eigentlich keine Gespräche. Eher so Monologe, und man war als - damals - junger Mensch dazu angehalten, eifrig zu lauschen, begeistert zu nicken und den Vortrag über die einzig richtige Art des Widerstands nicht durch eigene Meinungen zu stören.

Keine Ahnung von nichts
Schließlich hatte man ja keine Ahnung. Im Gegensatz zu diesen Revolutionsprofis, die nur aus persönlicher Bescheidenheit sich in ihre gut dotierten Posten, ihre schmucken Vorstadthäuschen und ihre bescheiden ausgebauten Bauernhöfe in Griechenland, der Toskana oder wenigstens im Waldviertel zurückgezogen hatten. Natürlich nur, um den Jungen Platz zu machen. Auch wenn diese Jungen - wie die 68er versicherten - gar keine Ahnung hatten. Von Gesellschaft. Und Politik. Und allem anderen. Weswegen man ihnen das eben noch einmal erklären musste.

Und der Vortrag begann erneut.

Es war immer ein wenig anstrengend mit ihnen.

Vielleicht hatten sie es aber auch nicht besser gelernt. Wurde es nämlich mal ausnahmsweise privat und nicht politisch (obwohl natürlich auch das Private politisch war, ganz klar), erzählten sie mit verdrehten Augen von den endlosen Monologen ihrer Väter und Mütter über den verlorenen Krieg. War man darauf als junger Mensch so verwegen, eine Parallele zu ziehen zu einer gescheiterten Revolution, war das Gespräch zu Ende.

Oder anders gesagt: Sie wussten über alles Bescheid - außer über Selbstironie.

Dabei war man als junger Mensch durchaus interessiert. Mit dem Geburtsjahrgang 1969 konnte sich der Autor dieser Zeilen immer noch einreden, nicht nur ein Kind der Mondlandung, sondern auch eins im Geiste Woodstocks zu sein. Ja, the spirit of revolution, er war sicher auch irgendwo in uns. Aber wo? Die Schwarzweiß-Fotos von Studenten, die sich in Berlin oder Paris der Polizei entgegengestellt hatten, vor Augen, fragte ich meine Mutter einmal, wie das denn 1968 in Wien gewesen war. Ihre Antwort war pragmatisch, nüchtern und etwas enttäuschend: "Da hat der Brus in der Uni auf den Tisch geschissen."

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Schlagwörter

Satire, Arcade Fire, Revolution

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-01 16:37:08
Letzte Änderung am 2018-06-18 17:07:28


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