• vom 05.06.2018, 16:08 Uhr

Kultur

Update: 06.06.2018, 10:30 Uhr

Comic

Essstörung und Abnabelung




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Als Kind wurden Sie gelobt, weil Sie "ein guter Esser" waren. Hatte das damit zu tun?

Wenn ich heute und nach all meinen Recherchen daran zurückdenke, muss ich sagen: Ich war sicherlich ein Kind, das mehr Aufmerksamkeit gebraucht hätte. Meine Mutter hatte wenig Zeit. Und zugleich war ich ein Kind, das unterfordert war. Mit Essen konnte man einfach ruhiggestellt werden.

Und dann ist da ein gewalttätiger Vater.

Es heißt ja immer, es ist eh nicht so schlimm gewesen, und Anzeigen werden zurückgezogen und so weiter. Meine Erfahrung war die mit einem patriarchalen Vater, der einfach machte, was er wollte. Alle haben ihm zur Verfügung stehen müssen. Ich wollte wissen: wieso? Es war für ihn offenbar schwierig, mit mir umzugehen. Bei uns gibt es ja auch eine starke Bildungsfeindlichkeit. Ich habe einfach nicht in sein Weltbild gepasst. Im Unterschied zu anderen habe ich diese Gewalt nur ein einziges Mal erlebt. Aber er war für mich das Monster.

"Ich habe Monster gesehen", heißt es an einer Stelle.

Ja. Ich habe nämlich, und das weiß ich erst nach meiner Arbeit an diesem Buch, ich habe Todesangst gehabt. Und da sind wir wieder beim Trauma.

Sie verwenden für Ihre Geschichte das Medium des Comics und setzen wiederholt abstrakte formelle Elemente ein, die Wirkung ist dennoch sehr intensiv. Wie kommt das?

Ich glaube, dass die Leute in den abstrakten Formen etwas sehen können, was mit ihrer Geschichte zu tun hat. Ich wollte die Offenheit. Ob es nun ein Comic ist, ist mir gar nicht so wichtig. Ich versteh’ mich als Zeichnerin. Wenn ich eine Animation mache, sage ich andere Dinge. Ich komme ja aus der seriellen Zeichnung und habe sehr viele Serien gezeichnet. Da kommt mir der Comic sehr entgegen. Jetzt habe ich endlich ein Medium gefunden, in dem ich erzählen kann.

Sie wollen erzählen . . .

Ich wollte immer Geschichten erzählen. Auch in großformatigen Zeichnungen oder in Trickfilmen. Und mit Zeichnungen stößt man da bald an Grenzen. Das Format der Graphic Novel ist da ziemlich super.

Wie lässt sich das mit einer formalen Zeichensprache verknüpfen?

Ich verwende da Strukturen wie den Kreis, der aussieht wie ein Nabel oder wie ein Muttermal. Das hat mit dem Abnabelungsprozess zu tun und der wiederum mit einer Essstörung. Ich habe da sicher über Jahre hinweg eine Art Sortiment, ein Repertoire an Formen entwickelt, die habe ich dann auch anderswo verwendet, in großformatigen Zeichnungen.

Im Hintergrund Ihrer persönlichen Geschichte zeichnen Sie das Bild einer unheimlichen Heimat.

Auch Kubin kommt aus Oberösterreich. Unheimlich ist schon die Landschaft. Und die Gesellschaft, das Katholische. Die Jagdgesellschaft . . .

Es gibt keinen einzigen Satz, der das thematisiert. Doch es gibt da dieses Bild mit den aufgereihten Hasenköpfen, eingebettet in eine Bilderserie, in der auch ein Kind mit Hitlergesicht vorkommt. Das ruft unwillkürlich die "Mühlviertler Hasenjagd" in Erinnerung.

Ich wollte nicht nur ein Buch über mich schreiben, es sollte darüber hinausgehen. Der Umgang mit dieser Geschichte, ihr Totschweigen, ist bezeichnend. Es zieht sich ja durch ganz Österreich, und das gab es auch bei uns, in meiner Familie, das Totschweigen.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-05 16:13:12
Letzte Änderung am 2018-06-06 10:30:11


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