Heiß ist es, ungewöhnlich heiß. Bereits im Frühjahr steigt das Thermometer über die Dreißig-Grad-Marke. Und die Trockenheit ist so weit fortgeschritten, dass die Augen der Bauern nicht länger gen Himmel gerichtet sind, um den erlösenden Regenguss zu erflehen. Stattdessen setzen sie ihre Hoffnungen auf Techniker und Wasserbauingenieure. Ein großes Bauwerk soll Rettung von der großen Trockenheit bringen, die weite Teile des Landes erfasst hat: Mithilfe eines Kanals will man das kostbare Nass von der schönen blauen Donau auf die staubigen Äcker des Wald- und Weinviertels tragen.

So weit der Traum, an dessen Verwirklichung im Hintergrund bereits die Mühlen der Bürokratie zu mahlen begonnen haben. Ob dabei erneut ein Ministerialbeamter namens Dr. Tuzzi sein segensreiches Wirken entfaltet, um Österreich vor der großen Hitze zu retten, ist ungeklärt. Unmöglich ist es nicht.

Tuzzi ist der Name der Hauptfigur in Jörg Mauthes legendärem Österreich-Roman "Die Große Hitze" von 1974. Dessen Untertitel lautet nicht von ungefähr "oder die Errettung Österreichs durch den Legationsrat Dr. Tuzzi". Mauthe, 1924 in Wien geboren und 1986 ebenda verstorben, war ein ungewöhnlicher Journalist, Aktivist, Autor und Stadtpolitiker, Letzteres als Mitglied von Erhard Buseks "Bunten Vögeln" im Namen der Wiener ÖVP. Er schickt seinen Legationsrat, selbstverständlich auf Geheiß des Ministers, auf eine geheimnisvolle Mission, mit dem Ziel, neue Wasserquellen für das dürstende Land zu erschließen. Statt die Donau anzuzapfen, wie es heute tatsächlich überlegt wird, begibt sich Tuzzi in den Untergrund - und schafft, dank etlicher mysteriöser Begegnungen und beamteter Selbstaufopferung, auf wundersame Weise das Unmögliche.

Das Buch endet mit dem paradigmatischen Satz "die Verösterreicherung der Welt schreitet unaufhaltsam vorwärts", wobei sich Mauthe gleich darauf selbst korrigiert; womöglich wäre es nämlich besser zu sagen, "die Verösterreicherung breitet sich unaufhaltsam aus". Weil "vorwärts" würde schließlich eine Richtung, ein Ziel, einen Prozess unterstellen, dabei zeichne sich die Verösterreicherung doch gerade durch ihre Ziellosigkeit aus.

Und dann ein Satz von grandioser Wucht: "Man hat diesen Prozess zu betrachten als einen Vorgang lustvoller Demoralisierung, der mit zunehmender Schnelligkeit ein seit zwei Jahrtausenden bis zum Irrsinn hochgezüchtetes Problembewusstsein ruiniert beziehungsweise allen im Laufe dieser Zeit entwickelten sogenannten Wahrheiten die Thronsessel unter den Hintern wegzieht, sodass sie klatschend auf den Boden des gesunden Menschenverstandes fallen und sich als das entpuppen, was sie sind: als bloße zeitbedingte Vorurteile."