• vom 25.06.2018, 15:49 Uhr

Kultur

Update: 25.06.2018, 16:33 Uhr

Ausstellung

Es glänzen Exzellenzen




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Von Christina Böck

  • Das Jüdische Museum versucht einen Blick zurück auf die Wiener Salonkultur.

Würde heute einem Wartezimmer beim Wahlarzt alle Ehre machen, ist aber eine Darstellung des Salons von "Pionierin" Fanny von Arnstein am Wiener Hohen Markt 5.

Würde heute einem Wartezimmer beim Wahlarzt alle Ehre machen, ist aber eine Darstellung des Salons von "Pionierin" Fanny von Arnstein am Wiener Hohen Markt 5.© Jüdisches Museum Wien Würde heute einem Wartezimmer beim Wahlarzt alle Ehre machen, ist aber eine Darstellung des Salons von "Pionierin" Fanny von Arnstein am Wiener Hohen Markt 5.© Jüdisches Museum Wien

"Die Dame, um im Salon zu glänzen, umgibt sich gern mit Excellenzen." Dieses Zitat von Eduard von Bauernfeld ist in der aktuellen Ausstellung im Jüdischen Museum Wien zu finden. Die dreht sich um die Salondamen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die in Wien den intellektuellen Diskurs ankurbelten.

Den ersten dieser Salons konnte man am Hohen Markt 5 besuchen. Also, gesetzt den Fall, man hatte eine Einladung oder war sonst irgendwie vernetzt mit der Gastgeberin Fanny von Arnstein. Sie stammte ursprünglich aus Berlin und wurde nach Wien verheiratet. Hier fand sie sich nicht mit ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter ab, sondern gründete jene Zirkel, in denen sich liberale, aufgeklärte Geister austauschten. Die Ausstellung "The Place to be" erinnert nun an Fanny von Arnstein und viele andere Frauen, die im Schatten der einen Salonière stehen, an die jeder denkt, wenn die Rede von diesem Thema ist: Auch Berta Zuckerkandl ist natürlich in der Schau vertreten, mit einem Raum, der geschickt das berühmte Wiener Werkstätten-Design ihrer Wohnung - diesem "kulturellen Machtzentrum" - visualisiert.

Information

Ausstellung
The Place to be
Jüdisches Museum Wien
bis 14. Oktober

Inspirationsraum

Da gab es zum Beispiel den Salon der Josephine von Wertheimstein. Das Mobiliar des Wohnzimmers der Villa Wertheimstein, das heute dem Döblinger Bezirksmuseum gehört, ist ins Jüdische Museum übersiedelt. Ein schwerer Kerzenleuchter, eine seidig bezogene Bank und Louis-XIV.-Sessel vermitteln eine steife "Gemütlichkeit" - dass das museale Ambiente einst als "Inspirationsraum" fungierte, ist heute nur schwer vorstellbar. Dass er es damals war, belegen Briefe, etwa von Ferdinand von Saar, der an die Wertheimstein-Tochter Franziska schrieb: "Frau Fanny, wissen S’ mir keinen Stoff?" Oder in literarischen Werken, wie Hugo von Hofmannsthals "Roman des inneren Lebens", der eine großbürgerliche jüdische Familie nach dem Vorbild der Wertheimsteins skizziert.

Die Schau, in der es sich auch lohnt, nach oben zu schauen, weil da unvermutet ein Salonièren-Schaukelstuhl hängt, krankt aber daran, dass sich heute kaum rekonstruieren lässt, was tatsächlich bei den Treffen geschehen ist oder besprochen wurde. Das wird nur bei jüngeren Salons möglich, ein Video zeigt etwa, wie Exil-Juden in Israel das Zusammenkommen nützen, um ihre Muttersprache Deutsch zu sprechen. In Wien hat der Holocaust die Salonkultur ausgelöscht, in Hollywood wurde sie von ausgewanderten Juden wie Salka Viertel oder Eric und Trude Zeisl hochgehalten. In einer Vitrine liegt das Adressbuch der Zeisl, aufgeschlagen bei der Telefonnummer von Igor Stravinsky.

Scheinbare Emanzipation

Der Untertitel der Schau "Salons als Orte der Emanzipation" ist bei manchen Protagonistinnen legitim, wie bei Helene Scheu Riesz, die in den 20er Jahren in der Frauenbewegung aktiv war und sich mit dem Sesam-Kinderbuchverlag gegen "schwarze Pädagogik" richtete. Oder Eugenie Schwarzwald, die als Reformpädagogin um 1900 Wert darauf legte, junge Frauen zu Selbstbewusstsein zu erziehen. Bei vielen Salonièren des 19. Jahrhunderts war die von der Ausstellung gefeierte Emanzipation freilich eine Illusion. In einer Zeit, in der Frauen kaum ein Platz in der Öffentlichkeit zugestanden wurde - ein Foto aus einem Café, in dem nur Männer sitzen, illustriert das -, wurden die eigenen vier Wände zur Scheinöffentlichkeit. Das Zitat von Bauernfeld und die Tatsache, dass die Habitués, also die Besucher der Salons, fast ausschließlich Männer waren, untermauert die These von der weiblichen Selbstermächtigung auch wenig.

Immerhin weist die Schau auch auf die psychischen Folgen der Chancenlosigkeit von Frauen in dieser Gesellschaft hin: Einige der Salondamen kamen mit anonymisierten Patientennamen zu zweifelhafter Berühmtheit - als Fallbeispiele von Sigmund Freud.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-25 15:55:45
Letzte Änderung am 2018-06-25 16:33:59


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