• vom 25.06.2018, 15:53 Uhr

Kultur

Update: 25.06.2018, 16:13 Uhr

Vor dem Denken

Den Geheimnissen unseres Bewusstseins auf der Spur




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Von Wolfgang Taus

  • John Bargh und Dean Burnett gehen in ihren Büchern mentalen Prozessen auf den Grund.

Die Mechanismen des Gehirns arbeiten im Hintergrund an unseren Vorlieben, Süchten und Stressbewältigungen.

Die Mechanismen des Gehirns arbeiten im Hintergrund an unseren Vorlieben, Süchten und Stressbewältigungen.© stock.adobe/Andrey Kuzmin Die Mechanismen des Gehirns arbeiten im Hintergrund an unseren Vorlieben, Süchten und Stressbewältigungen.© stock.adobe/Andrey Kuzmin

Wie viel von dem, was wir an einem beliebigen Tag sagen, fühlen und tun, unterliegt unserer bewussten Kontrolle? Oder noch wichtiger: wie viel nicht?

Unsere gegenwärtigen Ziele verändern uns - unser Denken, unser Herz und unsere Werte. Und wir merken nicht einmal, dass diese Veränderungen stattgefunden haben. Der renommierte US-Sozialpsychologie John Bargh weist in seinem tiefgehenden Buch darauf hin, dass unsere Gefühle, unser Denken und unser tägliches Verhalten durch verborgene mentale Prozesse gesteuert werden - weit mehr, als wir bislang vermutet haben.

Information

Sachbücher
Vor dem Denken - Wie das Unbewusste uns steuert
John Bargh, Droemer 2018
464 Seiten, 25,70 Euro

Unser verrücktes Gehirn
Dean Burnett
C. Bertelsmann 2018
400 Seiten, 17,50 Euro

Wünsche haben große Macht über uns. Es ist, als würden wir durch unsere Ziele neu konfiguriert, als verwandelten wir uns zeitweise in einen anderen Menschen mit anderen Werten, der andere Dinge tut als sonst. Aber bei einem Ziel, über das wir uns im Klaren sind, haben wir zumindest die Chance, unsere Zielbrille abzulegen und die mit seiner Realisierung einhergehenden praktischen Folgen zu durchdenken.

Unbewusste Antriebe

Doch aus einer ganzen Reihe von Gründen bleiben unsere inneren Antriebe häufig unbewusst, im Hintergrund verborgen und beeinflussen unsere Handlungen, bevor wir es bemerken. Wer kennt nicht die Szene im ersten Teil der Trilogie "Herr der Ringe", in der sich das Gesicht des freundlichen Bilbo plötzlich zur Fratze eines wilden Tiers verzerrt, nur weil sein Neffe Frodo ihm nicht erlauben will, den Ring der Macht noch einmal in die Hand zu nehmen? So wie Bilbo durch sein Bedürfnis verwandelt wurde, können Ziele die Macht über uns gewinnen und unsere Vorlieben wie auch unser Verhalten dramatisch verändern. Wenn Sie akzeptieren, dass Sie keinen komplett freien Willen und auch keine allumfassende bewusste Kontrolle besitzen, nimmt der Grad Ihres wirklich vorhandenen freien Willens und Ihrer wirklich vorhandenen Kontrolle zu, schließt Bargh. So können Sie sich etwas besser den "Soundtrack" Ihres Lebens bestimmen.

Der britische Neurologe Dean Burnett, der in der Tageszeitung "The Guardian" einen Wissenschaftsblog unterhält, geht in seinem Buch den "Fehlbarkeiten" unseres Gehirns nach. Es mag der Sitz unseres Bewusstseins sein - und alle Erfahrungen mögen von ihm ihren Ausgang nehmen. Doch es ist, obwohl ihm solch bedeutende Funktionen zukommen, auch unglaublich chaotisch und desorganisiert.

Burnet erläutert auf humorvolle Weise etwa das menschliche Erinnerungssystem, die unterschiedlichen Wirkungsweisen von Lang- und Kurzzeitgedächtnis und den zweifelhaften Wert von Augenzeugenberichten. Unser Gehirn stimmt uns oftmals ständig besorgt - etwa in Form von abergläubischen Überzeugungen, "sozialen" Ängsten.

Mutmaßungen des Gehirns

Besonders interessant wird es beim Thema Depressionen, Zwangsneurosen oder Psychosen, die auf Alkoholismus und andere Suchtkrankheiten zurückgehen. Es gilt etwa festzuhalten, dass viele von den Problemen, die
ein Nervenzusammenbruch einzudämmen hilft, von den Techniken zum Umgang mit Stress, die das Gehirn besitzt, verursacht werden. Diese Techniken sind oft ungeeignet für das Leben in der modernen Welt. Wenn man es dem Gehirn hoch anrechnet, dass es den von Stress verursachten Schaden mithilfe eines Nervenzusammenbruchs in Grenzen hält, dann ist das so, als würde man jemandem dafür danken, dass er geholfen hat, ein Feuer zu löschen, das er selbst gelegt hat, hält Burnett fest.

Das Gehirn lässt uns ein breites Spektrum der Realität wahrnehmen - und doch beruht ein großer Teil der Wahrnehmung auf Mutmaßungen von Seiten des Gehirns. Was als "normal" erscheint, besitzt scheinbar keine faktische Grundlage.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-25 16:01:41
Letzte Änderung am 2018-06-25 16:13:58


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