• vom 30.06.2018, 09:00 Uhr

Kultur


Digitale Kindererziehung

Anflug der Drohneneltern




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Von Judith Belfkih

  • Immer mehr Eltern können ihre Kinder per GPS orten - das hat weitreichende persönliche wie gesellschaftliche Folgen.

Kindliche Abenteuer- und Entdeckerlust wird immer öfter von den Eltern digital überwacht - als schicke Uhr am Handgelenk. - © Mortazza - stock.adobe.com

Kindliche Abenteuer- und Entdeckerlust wird immer öfter von den Eltern digital überwacht - als schicke Uhr am Handgelenk. © Mortazza - stock.adobe.com

Wien. Ein lauer Sommernachmittag, vor einer Wiener Volksschule. Grüppchen von Eltern stehen plaudernd vor dem Schultor. Die letzte Schulwoche ist beinahe um, die Kinder sind auf Ausflug. Die anvisierte Ankunftszeit der Klasse ist gerade überschritten, der Bus scheint sich zu verspäten. Sie stecken im Stau und werden wohl noch zwanzig Minuten brauchen, sagt ein Vater da in die Runde. Woher er das wisse? Eigene Handys haben die Taferlklassler schließlich noch keine. Sein Kind habe einen Ortungschip im Rucksack. Über GPS könne er daher jederzeit den Aufenthalt des Nachwuchses feststellen. Verblüfftes bis betretenes Schweigen in der versammelten Elternrunde.

Smarte Uhren und Armbänder, Handys mit entsprechender App, für ältere Kinder knallige Schlüsselanhänger, für kleinere flauschige Bärchen, großäugige Minidrachen oder Einhörner mit eingebauter Technik - immer mehr Eltern überwachen ihre Kinder per GPS. Die Verlockung ist nachvollziehbar, schließlich geht es um die Sicherheit des Kindes. Sich in einer großen Menschenmenge, am Strand oder in einem Einkaufscenter aus den Augen zu verlieren - diese und ähnliche, nur allzu oft wahr werdende Horrorszenarien aller Eltern kleiner Kinder gehören damit der Vergangenheit an. Ein Klick genügt und das Kind ist wieder unter elterlicher Obhut - und Kontrolle.


So weit so praktisch. Aber: Was macht das langfristig mit den Kindern? Was bedeutet es für ihre Entwicklung und das Vertrauen zwischen Eltern und Kind? Sieht so ein behutsames Begleiten des Nachwuchses in die Selbständigkeit und -verantwortung aus? Vor allem aber: Ab welchem Alter ist Schluss damit? Wenn die Teenager gelernt haben, die kleinen Sender zu manipulieren? Und rüsten die Eltern dann nach und greifen gleich zum lebenslangen Implantat? Sicher ist sicher. Und Sicherheit geht schließlich vor.

Frühes Delegieren von Selbstverantwortung
Dass die Mobilisierung und Digitalisierung unser Sozialverhalten verändert, ist evident. Wer macht sich noch einen exakten Treffpunkt aus, wenn der Griff zum Mobiltelefon jedes Treffen punktgenau nachjustiert? Wer bemüht sich noch um Pünktlichkeit, wenn jederzeit Textnachrichten eine kurzfristige Verschiebung möglich machen? Ja, die Digitalisierung hat zwischenmenschlich Vieles vereinfacht. Aber sie hat den digitalen Menschen auch ärmer gemacht - und fauler. Durch das Delegieren von Verantwortung an die Technik wird auch das menschliche Bemühen um einander ein Stückchen ärmer.

Es ist bei weitem nicht nur eine persönliche Frage des Stils, ob Eltern sich dazu entscheiden, das eigene Kind orten zu können. Es ist eine Frage von gesellschaftlicher Relevanz. Denn es macht etwas mit den Kindern, mit deren Eltern - und letztlich mit einer ganzen Gesellschaft. Die jüngsten technischen Errungenschaften lassen das bisherige Rüstzeug für den eigenständigen Gang des Kindes in die Welt - die auswendig gelernte elterliche Telefonnummer und der strikte Hinweis, keinesfalls mit Fremden mitzugehen - als antiquiert empfinden. Und doch: Jede weitere Form von Kontrolle untergräbt zuallererst die aufkeimende Selbstverantwortung der kommenden Generation. Das Argument für mehr Sicherheit, das Eltern und Hersteller der Geräte hier einbringen, nutzen auch alle Befürworter von flächendeckenden Überwachungskameras und sehr kontextelastischem Datenschutz. Wer nichts zu verbergen hat, hat schließlich nichts zu fürchten. Wohin diese Einstellung geführt hat, erleben zumindest einige Menschen derzeit als deutlichen Einschnitt in die Privatsphäre, in die persönliche Freiheit.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-29 16:19:41
Letzte Änderung am 2018-06-29 18:04:41


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