• vom 29.06.2018, 16:19 Uhr

Kultur


Ausstellungskritik

Smaragdkäferflügel und Plastikmüll




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Von Hans Haider

  • Eine etwas andere Modeausstellung: "Fashioned from Nature" im Victoria & Albert Museum in London.

Raubbau an der Natur? - Ein Cape aus den gekräuselten Federn eines Hähnchens (Frankreich, um 1895). - © Victoria & Albert Museum

Raubbau an der Natur? - Ein Cape aus den gekräuselten Federn eines Hähnchens (Frankreich, um 1895). © Victoria & Albert Museum

Die Spinndrüsen der Seidenraupen bekamen kurz vor 1900 industrielle Konkurrenz. Endlos spucken Maschinen seither "cellulosische Filamentgarne" aus, als Kunstseide oder Glanzstoff auf dem Weltmarkt. Auch was sonst der Mensch auf seiner Haut trägt, spendet selten nur noch Mütterchen Natur - wie den Wolfspelz, die Mohairweste, die Federboa, das Barchent-Nachthemd, die Biberfellmütze oder den Filzhut. Polyester vom Scheitel bis zur Sohle, vom regenfesten Baseballcap zu den Sneakers, die Tierschützer als vegane Schuhe propagieren.

Die Ausstellung "Fashioned from Nature" im Victoria & Albert Museum blickt weit zurück, ergeht sich in Pracht und Findigkeit bei Kleidern und Accessoires und erinnert zudem an Opfer auf den Altären von Schönheit und Luxus. Fühlt die Perlauster Schmerz? Die schwimmenden Schildpattproduzentinnen wurden und werden gejagt wie die Elefanten, deren Elfenbein in zierlichen Fächergriffen steckt. Wer je in einer Krokodilfarm die Reptilien in Keltern eingelegt sah, wünscht ihnen den Gnadentod mit der Kugel. Nicht nur der schöne Schein an der Oberfläche wurde bedient. Wale lieferten Fischbein für Korsetts.


Englands Vogelfreunden, seit 1904 eine Royal Society, waren Federhüte ein Graus, auch wenn nur Schwäne und Enten dafür ihr Leben ließen. Begehrter aber waren "Eye Catching Colours", so Papageienfedern aus Indien. Seit 1875 flimmert Hochglanzschimmer auf einem Ohrgehängepaar mit Gefieder vom Türkisnaschvogel. So wie die Flora in oft bizarrer Ornamentik auf Tapeten und Möbelbezügen ins englische Haus geholt wurde, machte sie sich auf den Roben breit.

Metallisch-grün blinken die Flügeldecken des Smaragdkäfers, 1868/69 zu Hunderten in einem biederen Knospenmuster auf einem Baumwollmuslin-Kleid appliziert. Eine besondere Kuriosität als Leihgabe aus dem Bowes Kunstpalast in Nordengland: ein Hochzeitkleid aus Ananas-Fasern, 1828.

Die hundert verschiedenfarbigen Knäuel im Musterkoffer eines Garnhändlers erinnern an William Henry Perkin, der 1856 zufällig - er wollte synthetisch Chinin herstellen - den ersten chemischen Farbstoff entdeckte und eine Anilinfabrik gründete. Hier Gewinner - dort Opfer: Von den Chemikalien, die bei der Filzhutformung verwendet wurden, erkrankten viele Arbeiter. Auch "Mad Hatter" in Lewis Carrolls "Alice im Wunderland" wurde durch die Hutmacherkrankheit mürbe im Kopf.

Ein Kleid mit dem Namen "Serpentine" produziert H&M aus Recycled Ocean Plastic. Nach der Verbannung der Pelze in private Gesellschaften wird nun auch gegen Leder agitiert. Da sieht ein schwarzer Glanzlederanzug mit Nietendekor von Katharine Hamnett von 1990 nur noch museumswürdig aus.

Alexander McQueen (2010, kurz darauf starb er): "Plato’s Atlantis" mit archaisierenden Reptilienmustern und "Sarabande", wie ein Füllhorn voller Blüten ausgeschüttet auf bodenlangen Tüll. Jeder Trend im Design zurück zur Natur ist so kurzlebig wie der nächste. Signifikanter ist er bei den Materialien. Dort, wo sie der Mangel in Gebrauch gehalten hat; und dort, wo man sie sich schon leisten kann.

Ausstellung

Fashioned from Nature

Victoria & Albert Museum, London

Bis 27. Jänner 2019




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Dokument erstellt am 2018-06-29 16:25:44


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