Die meisten Tiere bekamen den Weg rasch heraus, nahmen vorausschauend das passende Werkzeug in den Warteraum und brachten es später wieder mit. Bei den erfolgreichsten Affen konnte eine ganze Nacht zwischen der Auswahl und der Rückkehr liegen. Jedoch bestanden regelmäßig nur Menschenaffen solche Tests, andere Affenarten scheiterten. Deshalb gilt diese Fähigkeit als Erbe des letzten gemeinsamen Vorfahren von Menschenaffen und Menschen.

17-Stunden-Horizont

Es gibt jedoch eine Tiergruppe, die da nicht ganz ins Bild passt. Obwohl sie im Stammbaum der Tiere ziemlich weit weg vom Menschen stehen, handeln auch Raben, Krähen und ihre Verwandten vorausschauend. Eichelhäher etwa sind in der Lage, ein üppiges und abwechslungsreiches Frühstücksbuffet zu planen. Das hat ein Team um Nicky Clayton von der University of Cambridge herausgefunden. Jeden Morgen haben die Forscher den Tieren entweder in einen Teil ihres Käfigs ohne Nahrung gelassen oder in einen mit Futter. Nach ein paar Tagen bekamen die Vögel abends Pinienkerne, die sie verstecken konnten. Sie richteten ihre Vorratslager dort ein, wo sie nicht mit einem Frühstück rechneten.

In einem anderen Versuch gab es in einem Raum morgens Hundefutter und im anderen Erdnüsse - und die Vögel versteckten abends den jeweils anderen Snack. Jedoch hatten die Forscher solche planvollen Aktionen bei Rabenvögeln zunächst immer nur im Zusammenhang mit dem Anlegen von Vorratslagern beobachtet. Ist das also eine spezielle Anpassung an Zeiten der Nahrungsknappheit? Oder besitzen auch diese Tiere ein flexibles Talent für mentale Zeitreisen, das sie bei verschiedensten technischen und sozialen Herausforderungen einsetzen können?

Um das herauszufinden, haben Can Kabadayi und Mathias Osvath von der Universität Lund Kolkraben vor verschiedene Aufgaben gestellt. Mal ging es darum, einen passenden Stein in eine Box zu werfen, die dann einen Leckerbissen ausspuckte. Dann lernten die Vögel, dass sie bei einem Betreuer einen Plastikdeckel gegen Futter eintauschen konnten. Beide Aufgaben meisterten die Vögel. In den meisten Fällen wählten sie unter verschiedenen Angeboten nicht nur das richtige Werkzeug oder Tauschobjekt aus. Sie hoben beides auch für später auf - egal, wann sie es verwenden konnten.

Ihr Planungshorizont reicht dabei mindestens 17 Stunden in die Zukunft. Beim Tauschhandel sind sie sogar erfolgreicher als Menschenaffen und stecken selbst vierjährige Kinder in die Tasche. Sie legen ein hohes Maß an Selbstbeherrschung an den Tag. Wenn sie die Wahl haben, eine kleine Belohnung sofort zu kassieren oder auf ein schmackhaftes Stück Hundefutter zu warten, entscheiden sie sich fast immer für Geduld. Sie haben ihre Impulsivität im Griff, um längerfristige Ziele zu verfolgen.

Hang zur Planwirtschaft

Das zeigt, dass Raben keineswegs nur beim Futterverstecken in die Zukunft schauen können. Ihre Weitsicht steht der von Schimpansen in nichts nach. Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass der letzte gemeinsame Ahn von Vögeln und Säugetieren schon vor 320 Millionen Jahren gelebt hat. Dass der damals schon ein Planungs-Genie gewesen sein könnte, halten Forscher für unwahrscheinlich. Den Hang zur Planwirtschaft muss die Tierwelt also mindestens zwei Mal unabhängig voneinander erfunden haben.