• vom 09.07.2018, 16:17 Uhr

Kultur

Update: 10.07.2018, 14:49 Uhr

Aberglaube

Audienz bei den fluchenden Omas




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Von Felix Lill

  • Wer jemanden aus seinem Leben räumen will, ohne zu morden, findet Rat unter einer Autobrücke in Hongkong. Dort verdient eine Handvoll alter Frauen mit Räucherstäbchen und harten Schuhsohlen ihr Geld durch Fluchen.

Zu Besuch, wo dunkle Schwüre Konjunktur haben. - © Philipp Engelhorn

Zu Besuch, wo dunkle Schwüre Konjunktur haben. © Philipp Engelhorn


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Hongkong. Vielleicht entlockt dieser Ort noch in der friedlichsten Seele verborgene Aggressionen. Der farbliche Grundton ist das Grau von Beton, gemischt mit vorbeirauschenden Karosserien. In den kurzen Grünphasen peitschen schrille Trommelgeräusche der Ampeln Fußgänger über die Straße, Sekunden später heulen Motoren von Bussen, Taxis und Pkw wieder auf. Der Lärm kann auch nicht entkommen, im Gegenteil - die Schnellstraße, die über die Köpfe führt, wirkt noch als Verstärker. So brauchen die wenigen Schnellrestaurants an den Rändern der Kreuzung, zwischen Fischhändlern und Werkstätten, brüllende Marktschreier, um ihre Kunden anzuwerben.

Aber alle paar Minuten hämmert sich ein besonderer Ton durch diese Geräuschhölle. Beim ersten Hinhören hätte man eine Baustelle vermutet. Wenn man nicht gewusst hätte, dass es sich eher ums Gegenteil handelt: Da wird nicht aufgebaut, es wird abgerissen. Genauer: personelle Hindernisse werden aus dem Leben geräumt, Feinde verdammt. Causeway Bay, einer der geschäftigsten Flecken von Hongkong, ist der Ort, wo Fluchen normal ist. Jeder hier macht es, habe ich gelesen: Wer einfach nicht mehr weiter wisse, komme zu dieser Kreuzung unter der Brücke, bezahle 50 Hongkong-Dollar (rund fünf Euro), schreibe den Namen der Zielperson auf ein Blatt Papier. Den Rest erledigt eine dieser alten Frauen.


Mit ihren kleinen Altären, brennenden Räucherstäbchen, Gottesanbetungen und dem harten, lauten Pantoffelschlag erledigen sie jede Person, die der Kunde wünscht. Eine alte Tradition soll es sein. Ein krisensicheres Geschäft sogar. Solange die Menschen Fehden führen, in Streit geraten, gebe es auch Kundschaft. Wer hat schon keine Feinde? Beim Blick auf den eingezäunten Platz zwischen den Schnellstraßen ist der Eindruck eindeutig: Feinde gibt es reichlich, Argwohn und Ratlosigkeit ebenso. Vor rund zehn kleinen Ständen, alle geführt von alten Frauen, stellen sich Leute an, um fluchen zu lassen.

Die Pest an den Hals?
Auch ich bin gekommen, um mich zu erleichtern. Aber darf man das? Ein gläubiger Mensch bin ich nicht, eher das Gegenteil, und trotzdem sträubt sich etwas in mir dagegen, jemand anderem die Pest an den Hals zu wünschen, damit es mir besser geht. Man soll seinen Nächsten lieben, habe ich einmal in der Grundschule gelernt. Christentum hin oder her, als Marschroute klang das nicht schlecht. Dennoch muss ich das, was hier möglich scheint, ausprobieren. Böse wird es schon nicht sein, stille ich meine Bedenken, wenn diese Praxis nach den angeblich vielen Jahrhunderten, die sie schon existieren soll, nicht verboten wurde.

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Schlagwörter

Aberglaube, Flüche, China

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-09 16:23:04
Letzte Änderung am 2018-07-10 14:49:55


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