• vom 13.07.2018, 07:00 Uhr

Kultur

Update: 13.07.2018, 12:50 Uhr

Sand

Gib das Schauferl her!




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Von Judith Belfkih

  • Was sich in Sandkisten abspielt, lässt sich als Miniaturausgabe der Gesellschaft lesen.

- © Fotolia/PixPartout

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Wien. Sandspielkisten sind ein offenes Buch. Nicht nur für die an deren sandigen Rändern sitzenden Mütter und Väter. Auch für Psychologen, Pädagogen und Soziologen erweist sich ein still beobachtender Besuch dieser Ecke des Spielplatzes als Schatzgrube menschlicher Verhaltensweisen. Sandkisten sind so etwas wie eine Miniaturausgabe von Gesellschaft. Die Muster, die sich hier zeigen, sagen viel über die spielenden Kinder - und die sie betreuenden Begleitpersonen. Die hier zu Tage tretenden Verhaltensweisen werden sich - zumindest was die Kinder angeht - wohl ein Leben lang nicht mehr ändern.

Sand ist bei spielenden Kindern jeden Alters beliebt. Er verändert je nach Feuchte seine Konsistenz und dadurch radikal die Spiel- wie Baueigenschaften - von den fein rieselnden, glitzernden Körnchen, die durch Kinderhände fließen, über den stabilen Baustoff, der zu Burgen, Straßen und Kuchen geformt werden kann, bis zur schlammigen Ursuppe, die sich genüsslich zwischen den Fingern hervorquellen lässt. Die Bedeutung, die der Sand als Material für die motorische Entwicklung von Kindern hat, ist unumstritten. Das Graben im Sand ist ideal für das spielerische Erkunden der Naturgesetzte und gibt Kindern zudem ein Gefühl für die Grenzen des eigenen Körpers. Die vielen möglichen Formen fördern die Kreativität und geben vor allem kleinen Kindern ein Gefühl, die Welt ganz nach den eigenen Vorstellungen gestalten zu können.


Abseits der haptischen Vorzüge dieser vielseitigen Feinmotorikschule, ist die Sandkiste auch ein erstes soziales Versuchslabor. Hier treffen Kinder zum ersten Mal außerhalb der Familie auf ihresgleichen - meist noch lange vor dem Kindergarten. Diese in einer Sandkiste stattfindenden Interaktionen bergen entsprechend viel Konfliktpotenzial. Vor allem Fragen nach dem Eigentum - von Schauferl und Kuchenformen - sowie solche nach der Urheberschaft an diversen Burgen, Straßen und frisch gebackenen Gugelhupfen tauchen hier auf - und müssen oft tränenreich gelöst werden. Wie sich ein Kind dabei verhält, sagt bereits viel über sein späteres Verhalten in größeren sozialen Gruppen. Wer sich in der Sandkiste durchzusetzen vermag, wird es wohl später auch können.

Tränenreiche Erörterung
von Eigentumsfragen

Auch die Reaktionen anderer Kinder können äußerst lehrreich sein. Wenn mutwilliges Zerstören eines fremden Sandkunstwerkes dazu führt, selbst Sand ins Gesicht geschmissen zu bekommen oder an den Haaren gezogen zu werden, so spricht das eine unmittelbarere Sprache als die liebevolle Mutter, die verbal auf die Kooperation des Kindes setzt. Die emotionale Bandbreite ist jedoch vielschichtiger: Der Stolz über die eigene Schaffenskraft, die Freude über erste Zusammenarbeit, die sinnliche Lust am Gatschen und Formen und die Freude über erste Rollenspiele haben neben dem ausführlichen Frustrationstoleranztraining natürlich auch ihren fixen Platz.

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Schlagwörter

Sand, Soziologie, Sandkiste

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-12 16:19:56
Letzte Änderung am 2018-07-13 12:50:23


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