• vom 24.07.2018, 07:30 Uhr

Kultur

Update: 24.07.2018, 15:56 Uhr

Architektur

Die infantile Stadt




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Von Adrian Lobe

  • Seilbahnen, Achterbahnen, Riesenräder - das Stadtmobiliar erinnert immer öfter an einen Rummelplatz.

Ein Aussichtsturm, in dem man rutschen kann. Londons Möchtegern-Sehenswürdigkeit "The Orbit".

Ein Aussichtsturm, in dem man rutschen kann. Londons Möchtegern-Sehenswürdigkeit "The Orbit".© Charles Bowman/robertharding/picturedesk Ein Aussichtsturm, in dem man rutschen kann. Londons Möchtegern-Sehenswürdigkeit "The Orbit".© Charles Bowman/robertharding/picturedesk

Was soll das sein? Ein überdimensioniertes Klettergerüst? Eine Achterbahn? Ein verbogener Baukran? Ein Radiomast? Auf den ersten Blick erschließt sich dem Betrachter nicht, was die rote, spiralförmige Struktur vor dem Londoner Olympiastadion darstellen soll. Erst bei näherem Hinsehen wird deutlich, was sich hier in den Londoner Himmel reckt. "The Orbit", wie das stählerne Ungetüm heißt, ist ein 115 Meter hoher Aussichtsturm, um dessen Rumpf sich fast schwerelos, wie eine Geschenkschleife, ein 500 Meter langes und 1500 Tonnen schweres Stahlrohr schraubt. Ein Fahrstuhl führt zu einer ausladenden Aussichtsplattform, die wie ein Diskus anmutet. Die begehbare Skulptur, die nach ihrem Sponsor, dem aus Indien stammenden Stahlmagnaten Lakshmi Mittal und seinem Konzern, Arcelor Mittal, benannt ist und vom Stadtmarketing als "größtes Kunstwerk im öffentlichen Raum in Großbritannien" promotet wird, schuf der in Mumbai geborene Bildhauer Anish Kapoor gemeinsam mit dem Statiker Cecil Balmond. Die Turnerpreisträger arbeiteten bereits beim Entwurf der riesigen Skulptur "Marsyas" in der Turbinenhalle der Tate Modern zusammen. Den Baustoff für die insgesamt 19,1 Millionen Pfund teure Skulptur lieferte der Stahlriese Arcelor Mittal.

Londons damaliger Bürgermeister Boris Johnson wollte mit dem Bauwerk pünktlich zu den Olympischen Spielen 2012 ein architektonisches Denkmal setzen. Er und seine Olympia-Ministerin Tessa Jowell waren der Ansicht, dass der Olympia-Park eine Attraktion benötige. Also schrieben sie einen Ideen-Wettbewerb aus. Laut einem internen Planungsdokument sollte die Skulptur "ein ikonisches Statement über die Turmhaftigkeit" treffen.


Wasserpfeife mit Rutsche
Die Planer hatten die Vision, ein "epochemachendes" Bauwerk zu errichten, das sich in einer historischen Kontinuität mit dem Empire State Building, Eiffelturm und den Pyramiden einreiht. Doch aus den hochfliegenden Plänen wurde nichts - die von Kapoor geschaffene Skulptur konnte sich im Ranking der Stadtbewohner bisher nicht in die luftverdünnten Höhen von Big Ben, Tower Bridge und Nelson-Denkmal einreihen. Als Johnson das Werk bei seiner Einweihung in Augenschein nahm, fühlte er sich an eine Wasserpfeife erinnert.

Der Architekt Douglas Murphy kritisiert in seinem Buch "Nincompoopolis", dass The Orbit der Ausdruck städtebaulichen Größenwahns sei, ein Monstrum, das veranschauliche, wie der öffentliche Raum von unsichtbaren Marktkräften überformt und privatisiert werde. "Jeder Versuch, sich der Struktur zu nähern, bringt einen gegen einen Sicherheitszaun und hält einen zurück, als ob das Ding dahinter ein Horchposten oder eine Militärzone aus dem Kalten Krieg wäre." Der Eingang sei reglementiert und kostenträchtig, die Skulptur das Ergebnis dessen, wenn der "kleine Londoner Junge auf den großen Stahlkerl trifft", ätzt Murphy.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-23 15:53:12
Letzte Änderung am 2018-07-24 15:56:13


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