Manchem Hochstapler wird sogar ein Denkmal gesetzt: Wilhelm Voigt in Bronze vor dem Köpenicker Rathaus. - © ArTo/stock.adobe.com
Manchem Hochstapler wird sogar ein Denkmal gesetzt: Wilhelm Voigt in Bronze vor dem Köpenicker Rathaus. - © ArTo/stock.adobe.com

Martin hat behauptet, in jedem Zimmer der elterlichen Wohnung stünde mindestens ein Fernsehgerät. Das war in der Volksschule der Erzdiözese Wien, so ungefähr 1969, damals, als Fernsehapparate noch Statussymbole waren und ihre Zahl durchaus das Ansehen ihres Besitzers heben konnte. Natürlich besaß Martins Vater auch einen Mercedes. Weshalb er Martin dann immer mit dem VW-Käfer in die Schule brachte, erklärte Martin ganz einfach: Der Mercedes war nur das Auto für die Wochenendausflüge ins Haus in Niederösterreich (gewiss auch mit einem Fernsehapparat in jedem Zimmer).

Martin kommt im Buch "Mit fremden Federn" von Annett Kollmann nicht vor. Er ist (trotz einer mittlerweile wohl beträchtlich angewachsenen Fernsehapparat- und Mercedes-Sammlung) einfach nicht berühmt genug.

Hochstapler kennen wir alle

Kennen wir nicht alle einen Martin? Zumal das Martin-Vorkommen keine Altersfrage ist. Etwas später dann, in der Mittelschule, hieß der Martin dann Günther, aber im Grunde war es nicht Günther selbst, der ein Martin war, sondern Günthers Vater, der mit der Familie im Sommer nach Miami fuhr, weil er dort seine Segelyacht liegen hatte. Miami war, nebenbei bemerkt, Neusiedl am See, und die Segelyacht war ein Boot vom Typ "Pirat", eine Fünf-Meter-Jolle. Immerhin.

Und schon sehen wir, was den wahren Hochstapler ausmacht: Er ist ein Selbsterhöher aus Sehnsucht, und zwar keineswegs nur aus der eigenen Sehnsucht heraus, sondern mindestens ebenso aus der Sehnsucht seiner Zuhörer. Martin hätte ebenso gut mit Füllfedern prahlen können oder mit Stehlampen oder Fauteuils, aber wer hätte sich um Füllfedern, Stehlampen oder Fauteuils gerissen? - "Daktari", das war’s, Abenteuer mit Tieren in Afrika: Clarence, der schielende Löwe, für die Kinder, Marshall Thompson als Tierarzt Dr. Marsh Tracy für die Mütter und die großen Schwestern und Cheryl Miller als seine Tochter Paula für die Väter und die großen Brüder. So was gab es nur mit Fernsehapparaten.

Das Realleben-Vorbild für den Urwaldtierarztkerl Marsh Tracy war übrigens eine Frau, die Österreicherin Susanne Hart - der Mann in der Rolle: pure männliche Hochstapelei; und ein Amerikaner war’s auch nicht. Merken Sie etwas? - Schon wieder ist Sehnsucht im Spiel: die der Männer, dass Tierärzte, zumal unter Extrembedingungen, ihresgleichen sind und nicht der angeblich schwachgeschlechtlichen anderen Hälfte der Menschheit angehören, und die der Amerikaner, immer und überall als Erste das Heil zu bringen: "America first" in altruistischer Deutung, sozusagen.