• vom 30.07.2018, 15:36 Uhr

Kultur


Sachbuch

Man hochstapelt nur mit dem Herzen gut




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Sehnsucht auch hier, wenn eine Nation sich an militärischem Drill und Uniformen berauscht und ein Hauptmann eine Hauptmannsuniform trägt, woraus im Umkehrschluss folgt, es kann nicht anders sein, dass jeder, der eine Hauptmannsuniform trägt, ein Hauptmann sein muss. Friedrich Wilhelm Voigt aus Tilsit war ein kleiner Gauner, ein Einbrecher und Urkundenfälscher. Und dann, in Berlin-Köpenick, zieht er eine Hauptmannsuniform an - und wird zum Hauptmann qua Erscheinungsbild. Er konfisziert in seiner neuen Hauptmannsperson die Stadtkasse im Köpenicker Rathaus, übrigens gegen eine Quittung, und spaziert davon. Geschnappt wird er dennoch und auch verurteilt, aber prompt begnadigt ihn Kaiser Wilhelm II.

Ausnahme: Künstler?
Die Nachwirkungen sind ein grandioses Drama Carl Zuckmayers, zwei Filme, von denen einer eine Glanzleistung Heinz Rühmanns bietet und im anderen Harald Juhnke so unglaublich gut ist, dass man den Atem anhält, und eine von Zuckmayers Stück unabhängige Oper gibt’s obendrein, nämlich das "Preußische Märchen" von Boris Blacher.

Die Köpenickiade ist das Paradebeispiel für Hochstapelei: Eine brillante Gaunerei, auf die alle hereinfallen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf, und letzten Endes ist der Hochstapler dann sogar - also, Held vielleicht nicht, aber eine einzigartige Erscheinung. Ganz zu Recht setzt ihm das Köpenicker Rathaus ein Denkmal. Hätte Roda Roda diese Posse im Kaiserreich Österreich-Ungarn angesiedelt, man hätte ihn gerügt, es diesmal mit seiner satirischen Fantasie zu übertreiben.

Aber wie sagte der Kirchenlehrer Augustinus in seinem Traktat "De mendacio" (Über die Lüge): "Demgemäß lügt derjenige, der etwas anderes, als was er im Herzen trägt, durch Worte oder sonstige Zeichen zum Ausdruck bringt."

Wenn Wilhelm Voigt in seinem Herzen also ein preußischer Hauptmann war, ist doch alles in Ordnung, oder? Vielleicht war ja Dmitri II. in seinem Herzen wirklich russischer Zar und vielleicht war Anna Anderson (in ihrem Herzen) sogar wirklich Anastasia, die den bolschewistischen Mördern als Einzige ihrer Familie entkommene Tochter des letzten Zaren Nikolaus II. Wie ja wohl auch, dank der Wahrheit des Herzens, alles in Ordnung ist, wenn Karl May Weltreisender war.

Moment! - Gehören Schriftsteller, zumindest die meisten, nicht überhaupt entweder automatisch in die Hochstapler-Kategorie oder von ihr aus Berufsgründen ausgenommen? Immerhin dürfte Agatha Christie ja nicht in Realität Morde aufgeklärt haben, und dass sich Johann Wolfgang von Goethe aus einem Pudel schält und der Teufel ist, scheint auch eher wenig wahrscheinlich. Außerdem ist das Augustinus-Zitat, angewendet auf Künstler, fast schon eine Vorwegnahme von H. C. Artmanns "Poetischem Act", der festschreibt, dass alles als Poesie zu verstehen ist, was aus einer poetischen Haltung heraus getan wird. Wenn einer in poetischer Weise ein Schnitzel isst... - Übertreibung? Immerhin: Hermann Nitsch ist nicht nur Mysterienorgiast, eine seiner Aktionen war so eine Art Wein-Wandertag.

Hochgestapelte Geschichte
Dass Annett Kollmann in ihrem Buch freilich auch Jeanne d’Arc unter die Hochstapler zählt, kratzt nun denn doch gehörig am französischen Selbstverständnis. Hochstapelei wegen dem Bisschen Stimmenhören und Sendungsbewusstsein? Das müsste doch als ein Fall von andere Zeiten, andere Jungfrauen durchgehen!

Zumal die Mademoiselle aus Domrémy sowieso harmlos ist gegen Rudolf IV. und sein Privilegium maius, in dem er zur Bekräftigung der Habsburgischen Herrschaftsrechte Zeugnisse von Julius Caesar und Nero (welch ein Glück, gerade dieses hätte glatt verbrennen können) beifügte und so nebenbei noch den Titel "Erzherzog" kreierte. Hunderte Jahre Geschichte Mitteleuropas sind damit das Resultat einer, ja: einer Hochstapelei. Ja, aber was hätt’ er denn tun sollen, der vierte Rudi, wenn er doch im Herzen der Erzherzog von Österreich war? Am Ende warten, bis er sich mit Martin in allen Zimmern "Daktari" anschauen kann?

Annett Kollmann: Mit fremden Federn,

Hoffmann und Campe, Hamburg 2018, 252 Seiten, 22 Euro

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Dokument erstellt am 2018-07-30 15:47:17


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