• vom 31.07.2018, 19:20 Uhr

Kultur

Update: 31.07.2018, 19:24 Uhr

Kultur

Nur das Schaf darf gratis




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (16)
  • Drucken
  • Leserbrief





Tatsächlich regt sich seit einiger Zeit Widerstand gegen die hochpreisige Vermarktungspolitik von English Heritage. Mehrere Wohnwagen mit "Free Stonehenge"-Bannern parken auf frei zugänglichen Feldwegen genau neben den Schafen und somit direkt bei der Shuttlebus-Haltestelle - nur einen Steinwurf von Stonehenge entfernt und damit gut sichtbar für Besucher. Es ist eine bunte und inhomogene Gruppe, die hier dem Dauerprotest frönt. Von Fahnen der Friedensbewegung über die Regenbogenfahne bis hin zu diverse "Druiden"-Gruppierung ist alles dabei. Letztere unter Führung eines gewissen "King Arthur Pendragon", seines Zeichens "Titular head and Chosen Chief" der britischen Druiden. In einem Facebook-Manifest fordert die Gruppierung freien Zugang zu den alten Steinen. "Wir glauben, dass Stonehenge für die Menschen gebaut wurde. Es ist ein Tempel und ein Platz zum Feiern. Wir glauben, dass English Heritage Stonehenge illegal in seinen Besitz gebracht hat und es zur Profit-Maximierung missbraucht. Wir fordern freien Zugang zum Erbe unserer Vorfahren, wann immer wir es für angemessen halten." Zweieinhalbtausend Mitglieder hat die Facebook-Gruppe. Dass die "Druiden", also die keltische Elite der Eisenzeit (rund 800 bis 200 vor Christus), mit der bis zu 5000 Jahre alten Anlage schon alleine historisch nichts zu tun haben kann, muss man wohl als wissenschaftliche Spitzfindigkeit sehen.

Nichtsdestotrotz haben die Proteste Wirkung gezeigt. Im Oktober 2017 gab English Heritage widerwillig einen Feldweg frei, über den wieder ein kostenloser Zugang besteht, sofern man hinter einem brusthohen Holzzaun bleibt, der von Securitys bewacht wird. Der Zaun ist - absurderweise - nur wenige Schritte hinter dem "offiziellen" Gehweg um das Monument entfernt, für den man Eintritt bezahlt: Die davor zahlen, die dahinter nicht. So richtig heran an die Steine - oder sich gar im Steinkreis bewegen - darf natürlich keiner, das ist aus archäologischen Gründen streng verboten, da die Anlage bis heute nicht zur Gänze ausgegraben wurde. Viermal im Jahr - an heidnischen Feiertagen wie der Sonnenwende - ist ein limitierter Zugang für Rituale aufgrund eines Höchstgerichtsurteils basierend auf der freien Religionsausübung erlaubt.

Tatsächlich hat das Kasse-Machen eine lange Tradition. Stonehenge etwa war schon im ausgehenden 19. Jahrhundert eine Touristenattraktion. Wer hin wollte, musste zahlen. Umfangreiche Restaurierungen der schwer einsturzgefährdeten Steine in den Jahren 1901 und 1920 wurden so aus privater Tasche bezahlt.

Blick auf die Wiese: 14 Euro
Tatsächlich ist es bei einigen der Attraktionen im Portfolio des English Heritage fraglich, wofür genau man eigentlich so viel Eintritt bezahlt. Beim Schlachtfeld des Battles von Hastings (1066) in Battle werden 14 Euro fällig, wobei die Gebäude der darauf errichteten Abbey nicht besucht werden können, da sich darin eine Privatschule befindet. Für einen Rundgang ums Schlachtfeld (im Wesentlichen eine abschüssige Wiese) und den Shop sind 14 Euro pro Person tatsächlich ein stolzer Preis.

Dennoch reichen die Einnahmen von English Heritage derzeit zur Deckung von 86 Prozent der Kosten. Für die restlichen 14 Prozent springt der Steuerzahler ein. Bis 2023 will man in den "schwarzen Zahlen" sein, was vermuten lässt, dass die Vermarktungsmaschine noch einen Gang höher schaltet. Womöglich müssen die Schäfchen, die rund um Stonehenge weiden, künftig doch auch etwas zahlen.

zurück zu Seite 1




1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-31 16:35:18
Letzte Änderung am 2018-07-31 19:24:27


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Die Tiefe des Meeres im Krieg
  2. Im Inselreich der Affekte
  3. Mit Don Giovanni auf der Überholspur
  4. sand
  5. Generationen im Konflikt
Meistkommentiert
  1. Lang lebe Europa!
  2. Rene Benko steigt bei "Krone" und "Kurier" ein
  3. Kritik an finnischem Rechts-Metal-Konzert in Wiener Club
  4. Weißes Haus verteidigt sich mit Fake-Video
  5. Schweigen im Blätterwald

Werbung





Werbung