Als die junge Frau damals durch ein Tal im Altai-Gebirge in Zentralasien wanderte, ahnte sie sicher nicht, dass 90.000 Jahre später Svante Pääbo und Viviane Slon vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie (EVA) in Leipzig und ihre Kollegen einen ihrer Knochen untersuchen und in der Zeitschrift "Nature" als Riesen-Überraschung präsentieren würden: Die Mutter der mindestens 13-Jährigen war eine Neandertaler-Frau, während der Vater zu einer anderen Menschenlinie gehörte, die "Denisovaner" genannt werden. "Die Chance war sehr gering, auf das Erbgut eines solchen Mischlingskindes zu stoßen", erklärt Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena, der im Dezember 2009 in den Leipziger Labors von Svante Pääbo mit einer Erbgut-Analyse die Denisovaner-Linie entdeckt hatte.

Den ersten Teil dieses Kapitels schrieben russische Kollegen, als sie 2012 in der Denisova-Höhle im Süden Sibiriens den Knochensplitter der Mischlingsfrau entdeckten, den die Leipziger Forscher jetzt unter die Lupe nahmen. Menschen schätzten die Höhle seit mindestens 125.000 Jahren als Unterschlupf. In ihr fanden Forscher seit den 1970er Jahren immer wieder Steinwerkzeuge und Schmuck aus Knochenstücken von Tieren.

Weil diese Gegenstände typisch für Neandertaler waren, die bis vor mindestens 40.000 Jahren in Europa und den nördlichen Regionen Asiens lebten, hielten die russischen Forscher ein 2008 in der der Höhle gefundenes Fingerknöchelchen auch für einen winzigen Überrest eines Neandertalers. Bereits die erste Erbgutanalyse aber zeigte Johannes Krause im Dezember 2009, dass der winzige Knochen von einer bisher völlig unbekannten Menschenlinie stammte. Benannt wurde die Linie nach ihrem Fundort als Denisova-Mensch oder Denisovaner. Neben diesem Fingerglied wurde von dieser Menschenlinie bisher nur noch das Erbgut dreier Zähne beschrieben.

Intime Beziehungen

In der Denisova-Höhle lebten jedoch auch Neandertaler, deren Erbgut EVA-Forscher in einem Zehenknochen aus dieser Höhle isolierten. Offenbar hatten Neandertaler und Denisovaner reichlich Zeit für Begegnungen - und wohl auch für intime Beziehungen. Schließlich hatten die EVA-Forscher einen Anteil von rund einem halben Prozent Neandertaler-Erbgut im Genom der Denisovaner dingfest gemacht.

Die Chance galt allerdings als extrem gering, auf die Überreste eines solchen Mischlingskindes zu stoßen. Bis die EVA-Forscher dann den Knochensplitter aus der Denisova-Höhle untersuchten. Ein Einzelfall aber war die intime Beziehung zwischen der Neandertaler-Mutter und dem Denisovaner-Vater keineswegs. Schließlich fanden Viviane Slon und ihre Kollegen auch deutliche Hinweise, dass sich auch unter die Vorfahren des Denisovaner-Vaters in den letzten 300 bis 600 Generationen mindestens ein, vielleicht aber auch mehrere Neandertaler eingemischt hatten.

Auch der Teil des Erbguts, den die junge Frau von ihrer Mutter mitbekommen hatte, enthielt eine faustdicke Überraschung. War doch die Mutter nicht etwa mit den Neandertalern eng verwandt, die vor rund 125.000 Jahren in der Denisova-Höhle lebten und deren Erbgut die EVA-Forscher untersucht hatten. Viel näher standen ihr die Neandertaler, die vor etwa 55.000 Jahren auf der Balkan-Halbinsel auf dem Gebiet des heutigen Kroatiens lebten.

Weshalb aber blieben trotz solcher Mischlingskinder die Linien der Neandertaler und der Denisovaner klar voneinander getrennt? Das könnte daran liegen, dass es damals in einem riesigen Gebiet zwischen Sibirien und der iberischen Halbinsel sehr wenige Menschen gab, die in kleinen Gruppen lebten, die einander wohl nur selten begegneten. Umso interessanter aber waren diese seltenen Begegnungen. Die Spuren davon entdecken Forscher heute im Erbgut.

Aus ihren Analysen rekonstruieren die EVA-Forscher inzwischen sogar die komplexe Geschichte zwischen den Neandertalern und den Denisovanern. Beide hatten irgendwo in Eurasien gemeinsame Vorfahren, die vor etwa 420.000 Jahren getrennte Wege gingen. Vor rund 140.000 Jahren spaltete sich dann die Neandertaler-Linie in zwei Gruppen, von denen eine vor 125.000 Jahren im Altai-Gebirge lebte, während die andere bis vor etwa 40.000 Jahren in Europa zuhause war. Vor vielleicht 100.000 Jahren trennte sich von dieser "europäischen" Neandertaler-Linie dann eine weitere Gruppierung, aus der die Neandertaler-Frau stammte, die sich vor etwa 90.000 Jahren mit einem Denisovaner eingelassen hat. In diesen Zahlen stecken zwar noch große Unsicherheiten. Ganz sicher aber brachte die Frau neun Monate später ein Mädchen zur Welt, dessen Erbgut die EVA-Forscher jetzt untersucht haben.