• vom 30.08.2018, 07:00 Uhr

Kultur

Update: 30.08.2018, 12:23 Uhr

Islam

Verhasster Spiegel




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Auch bei den knappen Lösungsvorschlägen überrascht nichts: Grenzen zu, Einwanderung nur über Qualifikation, klare Regeln für Muslime, die in Europa leben wollen, konsequente Abschiebung bei Nichtbeachtung. Dazu eine Reform des Asylrechts, der Genfer Flüchtlingskonvention und des Islam - durch die Muslime. Auch wenn Sarrazin Hoffnungen auf Veränderungen des Islam aus sich selbst akribisch zerschlägt. Unter dem Stichwort "Fluchtursachen bekämpfen" plädiert Sarrazin für eine "der islamischen Welt zugewandte und ernsthafte Außen- und Entwicklungspolitik". Sie besteht für ihn darin, "mit gutem Rat zur Seite zu stehen. Das ist aber auch das Einzige, was wir tun können."

Innenpolitisch ruft Sarrazin nach mehr Staat: Assimilation statt Integration, staatliche Kontrolle von Moscheen, Ethikunterricht für alle statt diverser Religionsunterrichte, kein Kopftuch an Schulen, mehr Geld für staatliche Kinderbetreuung statt Kindergeld. Positive Szenarien zeichnet Sarrazin nicht, Gefahr ist im Verzug, eigentlich ist es eh schon zu spät. Schadensbegrenzung ist angesagt.

Das größte Problem an Thilo Sarrazin: Er sagt die Wahrheit. Vereinfacht, zugespitzt, überzeichnet und mit großen blinden Flecken. Aber nicht erfunden oder aus Verschwörungstheorien ersponnen. Wozu Sarrazin diese Wahrheit jedoch verwendet, wie er sie aus einem menschlichen Kontext löst und als Hymne eines neuen Posthumanismus glorifiziert, ist erschreckend. Das macht das Buch brandgefährlich: Es brüstet sich mit der Macht des Faktischen. Menschen, die den Islam schon bisher als Bedrohung gesehen haben, bekommen reichlich Material. Es schürt wahrscheinlich sogar unter Muslimen Islamophobie. Unter dem Mantel der Objektivität zementiert der frühere Berliner Finanzsenator existierende Gräben und bedeckt sie mit einer eisigen Glasdecke, damit man sie auch ja nicht mehr zuschütten kann.

Reflex für Denkfaule

Das Problem sind weniger die Fakten oder Lösungsvorschläge, die Sarrazin in seinem Buch zusammenstellt. Die meisten sind sogar absolut sinnvoll. Es sind die Haltung dahinter und die Weltsicht, aus der sie präsentiert werden. Es ist ein kalter Blick der Zahlen, der nüchternen Rationalität. Sarrazins Weltbild ist dabei genauso starr wie das des von ihm kritisierten Islam. Seine Bedrohungsszenarien könnten mit anderen Vorzeichen auch von einem islamistischen Prediger stammen, der die Gefahren des westlichen Lebensstils für die eigenen Werte anprangert.

Das größte Problem des Thilo Sarrazin bleibt aber immer noch, dass er die Wahrheit sagt. Sie ist verführerisch, denn sie liefert einfache Antworten. Komplex ist hier nichts. Der Islam ist Schuld. Er bedroht uns und muss bekämpft werden. Was Sarrazins Wahrheit so treffsicher macht: Es gibt all diese Probleme und Herausforderungen eines sich verändernden Miteinanders. Und es gibt kaum jemanden, der sie jenseits des rechten Lagers anspricht, geschweige denn nach Lösungen sucht. Diese Leerstelle ist der fruchtbarste Boden für simple Antworten. Das Einzige, was verhindert, dass sich mit diesem Buch die Fronten noch mehr verhärten, ist, es nicht als Spinnerei abzutun, sondern es ernst zu nehmen. Also die darin umrissenen Problemfelder aufzugreifen und nach Lösungen zu suchen, die eines humanistischen und sich einer christlichen Tradition verpflichtet fühlenden Europas würdig sind.




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Schlagwörter

Islam, Thilo Sarrazin

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-29 16:11:51
Letzte Änderung am 2018-08-30 12:23:56


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